Andrew Brown: Teuflische Saat

Reise ins Herz der Finsternis des Südsudan

Teuflische Saat von Andrew Brown

 

Zurück aus einem langen erholsamen Urlaub (in der sanften Bourgogne) holt mich die jüngste Vergangenheit ein: jetzt ist in den „Literaturnachrichten„, die vier Mal im Jahr als Beilage in der taz erscheinen, meine Rezension zu Andrew Browns „Teuflische Saat“ erschienen. Hier der vollständige Text:

 

Für die deutschen Leser seines ersten Romans „Schlaf ein, mein Kind“ schrieb Andrew Brown 2009 ein kleines Vorwort. Darin betonte er: „Ich habe die zweifelhafte Ehre, in südafrikanischen Gerichten sowohl als verurteilter Gefangener (unter dem Apartheidsregime), als Verteidiger für den Angeklagten, als Polizeireservist, der als Zeuge einer Verhaftung vorgeladen wurde, als auch als Richter angetreten zu sein (…). Diese

Erfahrungen führten mir deutlich vor Augen, dass man keinen Menschen lediglich unter einem einzigen Gesichtspunkt betrachten kann. In uns allen steckt die Möglichkeit, in eine oder auch mehrere solcher Situationen zu geraten.“ Afrika mit allen seinen Widersprüchen ist das Thema des 1966 in Südafrika geborenen, heute in Kapstadt lebenden Autors. In „Würde“ (2010) ging es um schwarze Immigranten in Südafrika, in „Trost“ (2014) um die Mobilisierung religiöser Unterschiede für die Machterhaltung der korrupten Regierung.

„Teuflische Saat“ steht mit einem Handlungsbein im abgehalfterten und zugleich von imperialistischen Allmachtträumen geschüttelten Großbritannien. Brown inkarniert diese gebrechliche Ambition in Gestalt eines von Dauerblähungen und Herzrasen geplagten Luftwaffengenerals, der  eine Ferienimmobilie auf Zypern finanziert, indem er die von ihm kontrollierte Drohnen- und Lenkwaffentechnik an einen arabischen Waffenschieber verkauft und zu Testzwecken Drohnen auf Objekte schießt, die ihm von seinem Dealer genannt werden. Darunter Frauen und Kinder.

Die Opfer dieser netten kleinen Pupsbereicherung (um die sich noch einige andere eklige Geheimoperationen wickeln) kommen erst spät in den Blick. In den eines weltfremden Botanikers, der in den Südsudan reist, um die Ultraviolettabsorption von arabidopsis thaliana zu erforschen. Schrittweise nähert sich dieser Gabriel auf seiner Reise ins Herz der Finsternis der brutalen Wirklichkeit des von Warlords und Killerbanden im Interesse weiterer Mächte terrorisierten jüngsten Staats der „Weltgemeinschaft“. Reiseführerin, Dolmetscherin und Verführerin (dorthin, wo er nicht hin will) ist die geheimnisvolle Alek. Die sich trotz kulturell und situativ bedingter Sprödigkeiten entwickelnde Romantik zwischen dem britischen weißen Rationalisten und der wütenden schwarzen Prinzessin dient letztlich dramaturgisch halbwegs plausibel als Treibsatz für Gabriels Zorn und unvermutetes Geschick im Umgang mit den britischen Geheimdienstlern. Schwankt dieser Strang des Romans zwischen Märchen, Spynovel und Abenteuererzählung, sind die Reisereportagen über die Wirklichkeit des zerbombten, zerrissenen Landes erschütternd. Um dieser Passagen willen muss man „Teuflische Saat“ lesen. Bisher gibt es meines Wissens keine literarische Darstellung des Südsudans und besonders der wahrhaft entsetzlichen Lage in den Flüchtlingslagern dort. Mitverursacht von Generalstölpeln und harmlosen Botanikern.

 

Andrew Brown: Teuflische Saat

Aus dem Englischen von Mechthild Barth

Btb, 416 S., 10,00 €

 

 

 

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