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Zwei- bis dreimal Oxford

Gesucht: der Sinn in assoziativ entstandenen Kettenlektüreerlebnissen

Wer zweimal stirbt – ja was passiert mit dem? So was wie mit Schrödingers Katze, nur umgekehrt? Kan man dö två gånger? – kann man zweimal sterben? – fragt Leif GW Persson im Original. Fröhlich und breit malt er die Verwirrungen aus, die dadurch entstanden sind, dass die Leiche einer Thailänderin auf einer abgelegenen Insel im Mälarsee schon einmal, etliche Jahre zuvor in Thailand, verbrannt worden ist, nachdem sie im Tsunami zu Tode gekommen war, und selbst das ist zweifelhaft.

Die junge Mathematikerin Kristen verlässt tränenüberströmt das John-Frankenheimer-Festival in einem Oxforder Programmkino. Gerade hat sie Der Mann, der zweimal lebte von 1966 gesehen, aber sie weint aus anderen Gründen, die viel viel später von Guillermo Martínez aufgeklärt werden. In den Fall Der Fall Alice im Wunderland ist sie im Grunde reingestolpert. Als Doktorandin, die von ihrem Doktorvater allerlei mehr oder minder sinnvolle Aufträge bekommt, die dieser nicht selbst erledigen will, entdeckt sie im Archiv von Lewis Carroll den Zettel, auf dem dessen Nichte zusammengefasst hat, was auf der Tagebuchseite ihres Onkels aus dem Jahres 1863 stand, die sie entfernt hat. Natürlich will die Nachwelt im Oxford des Jahres 1995, in dem Guillermo Martínez dort an mathematischen Problemen forscht, die mit Alice im Wunderland nichts zu tun haben, nur eins wissen: Was verrät die Notiz auf dem Zettel, den die tränenüberströmt das Kino verlassende Kristen gefunden hat, über die verschwundene Tagebuchseite? Ohne zu spoilern: Am Ende will Kristen das zweite Leben, das ihr wie Rock Hudson im Film geschenkt wurde, nicht haben.

Aus Oxford verschwunden ist auch der iranische Physiker Rustum Marvar, ein Stipendiat wie Martínez, nachdem er gewissermaßen eine Wohnküchenlösung der Energieprobleme dieser Welt gefunden hat. Die hat er einem vertrauenswürdigen ebenfalls alleinerziehnden Vater eines ca. 13-jährigen Sohnes auf einen bierdeckelgroßen Zettel geschrieben, damit der entscheiden kann, wie und ob diese Entdeckung der Menschheit zugänglich gemacht werden kann, ohne sie den Geheimdiensten zu offenbaren, die dahinter her sind. Nicholas Shakespeare erzählt dies in dem Thriller Boomerang in einer Spannungskurve, die durchaus dem Flug eines Bumerangs ähnelt. Stellt sich nur die erzähltheoretische wie physikalische Frage: Ist der Bumerang bei seiner Rückkehr noch genau derselbe Bumerang, der er bei seinem Start war?

Weitere offene Fragen: Was unterschied Lewis Carroll, in dessen fotografischem Nachlass von ca. 1200 Bildern etwa 50% kleine Mädchen zeigen, von einem Pädophilen von heute? Die viktorianische Kultur, die in nackten Mädchen die Fleischwerdung der Unschuld sah? Wie kam es, dass bei Persson die Personifizierung von Ockhams Rasiermesser ausgerechnet eine wurstfressende und biertrinkende Polizistengestalt angenommen hat? Und wo ist eigentlich die Entdeckung des Physikers?

Nordische Krimis

Was ist das Nordische an den Nordischen Krimis?
Im Interview mit der Kollegin Nina Peters für die Westdeutsche Zeitung haben sich dazu ein paar Gedanken herausgeschält:
Mit Leserwahrnehmungen wie „düster“, „melancholisch“, „blutrünstig“ kann ich nichts anfangen. Das kann nicht auf alle geschätzt 150 neuen Titel pro Jahr aus Finnland, Schweden, Norwegen, Dänemark, Island zutreffen. Zumal es darunter sehr witzige gibt.
Meine Thesen möglicherweise auch nicht.

  1.  Als Wohlfahrtsstaaten am politischen Rande des Westens (Finnland, Norwegen) und geografischen Rand Europas haben die nordischen Länder eine verschärfte Wahrnehmung ausgebildet für das Prekäre der sozialen und ökonomischen Existenz, für die Probleme sozialer Isolation bzw. für die Notwendigkeit gemeinschaftlichen Zusammenhalts in einer menschenleeren Naturlandschaft mit kleinen Siedlungen und wenigen Zentren. Unbürokratische praktische Solidarität wird dort höher bewertet und ist notwendiger als in Zentraleuropa.
  2. Von der Mitte Europas aus lesen wir nordische Kriminalliteratur als Signale und Warnungen für die Gefährdung von Wohlstandsgesellschaften, die dort vielleicht schon erahnt werden und bei uns eintreten könnten.
  3. Die ausgesetzte geografische und politische Lage, die zeitweilige, unterschiedlich intensive politische Neutralität sowie die besondere Abhängigkeit vom Weltmarkt erfordern besondere Aufmerksamkeit für die Weltläufte. Daher von Ian Guillou über Leif Davidsen bis zu Arne Dahls opcop-Truppe immer wieder der Anlauf zu Kriminalromanen, die geopolitische Ortungen unternehmen. In Finnland hat die konfliktreiche Grenze zu Russland und der ehemaligen Sowjetunion einen spezifischen Typus Gangsterroman hervorgebracht, Prototyp der Karelier Viktor Kärppä in den Romanen Matti Rönkäs, der grenzübergreifend zwischen russischen und finnischen Gangstern seinen Schnitt sucht.
  4. Nicht spezifisch nordisch, aber verständlich weil marktkonform sind die Versuche von Autoren wie Jussi Adler-Olsen, Stieg Larsson, Jo Nesbø, Ilkka Remes, Leena Lehtolainen Krimis zu verfassen, die mit dem internationalen sprich anglo-amerikanischen  Pageturner-Mainstream kompatibel sind. Gerade ihre auf Marktgängigkeit gebügelten Blockbuster werden bizarrerweise als Inkarnationen einer „skandinavischen Kriminalliterateratur“ angesehen, obwohl sie, von den Tatorten abgesehen, wenig Skandinavisches und viel Amerikanisches haben.
  5. Die Vorstellung vom „Nordischen“ wird überstrapaziert, wenn man sie auf den Autor anwendet, der als einziger versucht hat, so etwas wie „nordische“ Kriminalromane zu schreiben: Håkan Nesser mit seinen zehn Van-de-Veeteren – Romanen, die in einem fiktiven, topografisch zwischen Holland und Mittelschweden changierenden Nordland spielen. Ganz Nesser sind die darin unternommenen Erkundungen menschlicher Existenz.

Singulär – nordisch oder nicht nordisch, das ist hier keine Frage – sind aus meiner Sicht
in Schweden:

in Finnland:

in Norwegen: