Tobias Gohlis‘ zehn beste Kriminalromane 2018

Was waren die zehn besten Kriminalromane des Jahres 2018?

Ich habe unter den 69 Titeln, die zwischen Januar und Dezember auf der Krimibestenliste standen, neun gefunden, die ich für hervorragend halte – aus unterschiedlichen Gründen.
Zwei Empfehlungen bilden eine Ausnahme: Obwohl Dirty Cops von Adrian McKinty für sich genommen nicht der beste Roman seiner Serie um den katholischen Bullen Sean Duffy ist – schwer zu entscheiden, welchem von den sechs bisher auf Deutsch erschienenen dieses Pädikat zukommt – habe ich ihn ausgewählt, um auf diese herausragende Serie historischer Kriminalliteratur hinzuweisen, die mit immer wieder spannend konstruierten Fällen eng an den historischen Ereignissen die blutige und traurige Geschichte der Troubles aus der Perspektive eines Polizisten erzählt, dessen Loyalitäten gespalten sind. Im aktuellen Fall zwischen sentimentaler Erinnerung an die Jugendfreundschaften und der Bindung an das, was immer wieder neu als Recht und Gesetz interpretiert werden muss.

Genauso wenig, wie Serien ihren Platz auf der Liste der zehn besten Kriminalromane eines Monats ihren Platz haben, wählt die Jury Neuausgaben von Kriminalromanen, die bereits erschienen sind. Aber ich kann da natürlich eine Ausnahme machen.
Wirklich beeindruckt hat mich die Lektüre der vierteiligen Serie um den Arzt ohne Approbation und späteren Polizisten Duca Lamberti, die Giorgio Scerbanenco Mitte der sechziger Jahre, alo vor gut 50 Jahren geschrieben hat. Die Wiederveröffentlichung dieser Romane im Folio-Verlag ist eine wirkliche Entdeckung, für Fans wie für Neueinsteiger in literarisch herausragende Kriminalliteratur. Zu Die Verratenen habe ich das Nachwort verfasst, ein größerer Artikel über Giorgio Scerbanenco und die Begegnung mit seiner Tochter Cecilia ist am 30.10. 2018  in der ZEIT erschienen und hier nachzulesen. Ausdrücklich empfehle ich alle vier Romane. Bereits erschienen:

Das Mädchen aus Mailand
Die Verratenen
2019 erscheinen:
Der lombardische Kurier (19.2.)
Ein pflichtbewusster Mörder (31.7.)

Meine Auswahl der zehn besten Kriminalromane des Jahres 2018 können Sie als PDF hier herunterladen.

Ich wünsche Ihnen ein gutes, friedliches Jahr 2019.

 

Krimi Global

Literaturnachrichten 4-18

Einen kleinen Ausblick auf die glänzende Gegenwart und Zukunft der internationalen Kriminalliteraur geben die Literaturnachrichten von Litprom.
Thomas Wörtche dröselt in seinem Einleitungsbeitrag Kriminalliteratur als globalen Code auf, der die Spannungen zwischen Gerechtigkeit und Wirklichkeit, Aufklärung und Aufklärbarkeit immer wieder neu so ent- und verschlüsselt, dass die Wahrnehmungskonstruktionen, die wir so mit uns im Kopf herumschleppen, erschüttert und aufgeraut werden.
Da mit das nicht so abstrakt bleibt, sondern konkret wird, werden in den folgenden Interviews und Porträts wichtige Autoren der globalen Kriminalliteratur vorgestellt, vor allem die, die an den Litpromliteraturtagen am 25. und 26. Januar 2019 in Frankfurt am Main teilnehmen werden.

Neben vielen anderen aus der Zunft bin ich mit zwei kleinen Beiträgen in den Literaturnachrichten vertreten: mit einem Porträt von Deon Meyer und einer Rezension zu Nii Parkes‚ „Spur des Bienenfressers“, ein Beispiel dafür, dass auch ein Dorfjäger seine Methoden zum globalen Code beiträgt.

Giorgio Scerbanenco – meine Krimientdeckung des Jahres

Giorgio Scerbanenco

Meine Krimi-Entdeckung des Jahres ist der 1969 verstorbene Giorgio Scerbanenco.
Ich hatte um die Jahrtausendwende schon einige seiner Romane gelesen, konnte mich aber nicht mehr daran erinnern, als mich Ludwig Paulmichl, einer der beiden Verleger des Folio-Verlags im Frühjahr bat, ein Nachwort in seiner Neu-Edition der Duca-Lamberti-Romane zu verfassen.
Zu den Autoren, die ihre Zeit der Rezeption haben, gehört Giorgio Scerbanenco. Vor knapp 20 Jahren war ich noch nicht reif, seinen spröden, multiperspektivischen, bis zur Bitterkeit selbstironischen Stil adäquat genießen zu können.
Inzwischen ist das Nachwort erschienen, zwei der vier Lamberti-Romane ebenfalls, und ich konnte in Mailand mit Cecilia Scerbanenco sprechen, seiner jüngsten Tochter, die sich das Werk ihres Vaters pflegt. Über dieses Treffen habe ich einen Artikel in der ZEIT vom 31.10. veröffentlicht. Der aber aus Platzgründen etliche Details des Besuchs und des Gesprächs nicht enthalten konnte, so dass ich jetzt eine erweiterte Fassung an dieser Stelle veröffentliche.
Der in der ZEIT erschienene Text ist normal, die nachträglichen Ergänzungen sind kursiv gesetzt.

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Andrew Brown: Teuflische Saat

Reise ins Herz der Finsternis des Südsudan

Teuflische Saat von Andrew Brown

 

Zurück aus einem langen erholsamen Urlaub (in der sanften Bourgogne) holt mich die jüngste Vergangenheit ein: jetzt ist in den „Literaturnachrichten„, die vier Mal im Jahr als Beilage in der taz erscheinen, meine Rezension zu Andrew Browns „Teuflische Saat“ erschienen. Hier der vollständige Text:

 

Für die deutschen Leser seines ersten Romans „Schlaf ein, mein Kind“ schrieb Andrew Brown 2009 ein kleines Vorwort. Darin betonte er: „Ich habe die zweifelhafte Ehre, in südafrikanischen Gerichten sowohl als verurteilter Gefangener (unter dem Apartheidsregime), als Verteidiger für den Angeklagten, als Polizeireservist, der als Zeuge einer Verhaftung vorgeladen wurde, als auch als Richter angetreten zu sein (…). Diese

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Giorgio Scerbanenco: Die Verratenen

Wiederentdeckung eines der ganz Großen der internationalen Kriminalliteratur

 

Giorgio Scerbanenco, 1911 in Kiew geboren, aufgewachsen in Rom, verschlagen nach Mailand, gestorben 1969 viel zu jung daselbst, transponierte nicht nur das Modell des amerikanischen Privatdetektivs in die italienische Wirklichkeit der End-Sechziger-Jahre und wurde dadurch zum Paten des modernen italienischen Kriminalromans. Mit seinen vier Romanen um den Arzt, Mörder aus Mitleid und Polizisten Duca Lamberti schlug er eine gegenüber allen Ideologien skeptische, an jeder übergeordneten Moral zweifelnde bissige Tonlage an, die in der Kriminalliteratur selten war und selten geblieben ist.

Jeder italienische Kriminalschriftsteller ist stolz, wenn er die höchste Auszeichnung, den Premio Scerbanenco, erhält. Jetzt gibt der kleine Folio-Verlag aus Südtirol und Wien, spätestens seit der Veröffentlichung von Giancarlo de Cataldos Romanzo Criminale eine allererste Adresse für italienische Kriminalliteratur im detuschsprachigen Raum, die vier Romane um Duca Alberti neu heraus. Mit Vorworten von Giancarlo de Catalado und Gianrico Carofiglio, von Thomas Wörtche und mir.

Mein Nachwort zu dem zweiten Band Die Verratenen, 1966 erschienen als Traduttori di tutti, können Sie hier nachlesen.

Lisa McInerney: glorreiche Ketzereien

Eine Entdeckung und ein Debüt auf Deutsch: Lisa McInerney.

Die Juroren, die 2015 Glorreiche Ketzereien mit dem Desmond-Elliot-Prize für den besten Debütroman auszeichneten, wussten, was sie taten. Indeed, dieser Roman verbindet „Breite und Tiefe in einer fesselnden Erzählung“, wie die Regularien fordern. Und erhielt gleich noch dazu den angesehenen Women’s Prize for Fiction für den besten englischsprachigen Roman. (Wann werden in D-schland wohl Kriminalromane große Literaturpreise bekommen?)

Die 1981 geborene Lisa McInerney begann als Bloggerin und mit Kurzgeschichten. Glorreiche Ketzereien ist ein groß(artig)er Roman, glänzend übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Er beginnt mit einem stumpfen Schlag.
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Sarah Schmidt: „Seht, was ich getan habe“

Können Frauen töten? Gift galt als traditionelle Waffe des sogenannten schwachen Geschlechts, aber Mord mit der Axt? Und dann gleich ein Doppelmord? Fragen dieser Art machten 1892 die Morde an dem reichen Unternehmer Andrew Borden und seiner zweiten Frau Abby zu einem Aufreger, weit über die Grenzen der kleinen Industriestad River Falls in Massachusetts hinaus.

Die Leichen von Andrew und Abby Borden wurden am Morgen des 4. August 1892 in ihrem Haus aufgefunden. Der Mörder oder die Mörderin hatte sie mit Axthieben auf Kopf und Rücken getötet. Nach raschen Ermittlungen wurde die jüngere Tochter Andrew Bordens, die damals 32-jährige Lizzie, angeklagt – und freigesprochen. Seitdem ist die junge, durch den Mord an Vater und Stiefmutter steinreich gewordene Lizzie ein fester Bestandteil der amerikanischen Mythologie und Folklore. Lizzie trat bei den Simpsons auf, eine Oper, etliche Krimis und Filme verarbeiteten den ruchlosen, ungeklärten Mord. Zuletzt mordete sie sich 2017 in einer RTL-Serie durch River Falls.

Wer sich literarisch dieses in allen Richtungen durchgekauten Falls annimmt, muss gute Gründe und ein gutes Händchen haben. Das ist der jungen Australierin Sarah Schmidt in ihrem Debüt „Seht, was ich getan habe“ offensichtlich gelungen.

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James Carlos Blake: Red Grass River

Blasse Feinde – die Ashley-Gang und die Anfänge Floridas im 20. Jahrhundert

James Carlos Blake, in Mexiko aufgewachsen, als US-Bürger naturalisiert, könnte, wäre das nötig, mit seinen Büchern als Kronzeuge gegen den Aberwitz auftreten, der hinter Donald Trumps Idee einer Mauer zwischen den USA und Mexiko auftreten.

James Carlos Blakes Thema ist die Gewalt. Auch in Red Grass River. Darin erzählt Blake die Geschichte der Ashleys, einer Familie, die Anfang des 20. Jahrhunderts als Bankräuber, Fischer, Alkoholschmuggler den Süden Floridas kontrollierten, und ihres Widersachers Sheriff Bob Baker.

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Marcie Rendon: Am Roten Fluss – Interview

Am Roten Fluss ist ein großartiger Kriminalroman mit einer Heldin, die meines Wissens einzigartig in der Kriminalliteratur ist: eine junge indianische Frau. Und die Autorin Marcie Rendon ist eine Native American. Am Roten Fluss ist ihr erster Roman. Heldin ist die 19jährige Cash, der es gelungen ist, mit Hilfe von Sheriff Wheaton ein selbständiges Leben als Landarbeiterin zu führen, nachdem sie von ihrer Mutter getrennt und in die Pflegschaft weißer Farmerfamilien gegeben wurde. Dieses Pflegschaftssystem ist das „wahre Verbrechen“, von dem der Roman handelt, obwohl es auch zwei Morde gibt, zu deren Aufklärung Cashs spezielle Fähigkeiten und local knowledgede gebraucht werden. Das Interview über diese Hintergründe haben wir per Mail geführt.

Dear Marcie,
Am Roten Fluss scheint auf persönlichen und kollektiven Erfahrungen zu beruhen. Wie viel von dem, was die 19-jährige Cash erlebt, ist autobiographisch? Sowohl Cash als auch Sie haben beispielsweise 1971 begonnen, an der Moorhead State University in Minnesota zu studieren.

Am Roten Fluss ist Fiktion, aber wie die meisten anderen Autoren habe ich auf etwas zurückgegriffen, was ich kenne. Die Geschichte einer Jugendlichen, die unter Pflegschaft aufwuchs, ist nur allzu häufig geschehen und bei fast allen ähnlich verlaufen.

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Mike Nicol: Korrupt

Trekkersburg und Jacob Zumas Abgang

In seinem Thriller Korrupt nimmt Mike Nicol das Ende des korrupten ANC-Chefs  und südafrikanischen Präsidenten vorweg

Am 15. Februar war es so weit: Jacob Zuma, einer der korruptesten Politiker Afrikas, musste seinen Abschied nehmen. 13 Stunden soll der letzte Überredungsmarathon gedauert haben, bei dem die  ANC-Führung den Kleptokraten vom Thron des Staatspräsidenten  stieß.
Der südafrikanische Autor Mike Nicol, Gegner der Apartheid und publizistischer Begleiter der Demokratisierung Südafrikas von Beginn an, hat ihm in Korrupt, dem zweiten Band seiner Serie um Vicki Kahn und Fish Pescado ein Schandmal gesetzt. Als Nicol 2012/13 daran schrieb, tobte gerade in der südafrikanischen Presse und Politik die Erregung über den Millionenbetrag, mit dem Zuma seinen Landsitz Nkandla in KwaZulu-Nathal angeblich aus Sicherheitsgründen in ein Luxusresort ausgebaut hatte. Die Verluste, die dem Staat und damit der öffentlichen Wohlfahrt allein aus dieser privaten Bereicherung entstanden, bezifferte eine unabhängige Untersuchungskommission auf 155 Mio. Rand (ca. 10 Mio. €).
Im finalen Showdown des Romans gibt Nicol einen satirisch zugespitzten Einblick in die Welt aus Speichelleckerei, sexueller Misshandlung und kruder Gewalt, die auf dem Landsitz  des

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