als sie noch Pythagoras-Morde hießen..

Guillermo Martínez hat nach seiner Promotion in Mathematik 1992 zwei Jahre als Postdoc in Oxford gearbeitet.

Auf diesen Erfahrungen beruhen zwei Kriminalromane um den begnadeten Mathematiker und Logiker Arthur Seldom und seinen Sidekick, den Post-Doktoranten „Guillermo Martínez„. Als Martínez‘ zweiter Roman Los crímenes de Alicia von 2019 mit dem Premio Nadal ausgezeichnet wurde, entschloss sich der Eichborn-Verlag, bei dem bereits sein erster Oxford-Roman Crímenes imperceptibles 2005 als Die Pythagoras-Morde erschienen war, jetzt beide Kriminalromane am 29.5.20 neu herauszubringen.

Ich war damals von den Pythagorasmorden, die jetzt Oxfordmorde heißen, begeistert. Das Manukript meiner in der ZEIT am 9.3.2005 erschienenen Kolumne kann man hier nachlesen.

Zwei- bis dreimal Oxford

Gesucht: der Sinn in assoziativ entstandenen Kettenlektüreerlebnissen

Wer zweimal stirbt – ja was passiert mit dem? So was wie mit Schrödingers Katze, nur umgekehrt? Kan man dö två gånger? – kann man zweimal sterben? – fragt Leif GW Persson im Original. Fröhlich und breit malt er die Verwirrungen aus, die dadurch entstanden sind, dass die Leiche einer Thailänderin auf einer abgelegenen Insel im Mälarsee schon einmal, etliche Jahre zuvor in Thailand, verbrannt worden ist, nachdem sie im Tsunami zu Tode gekommen war, und selbst das ist zweifelhaft.

Die junge Mathematikerin Kristen verlässt tränenüberströmt das John-Frankenheimer-Festival in einem Oxforder Programmkino. Gerade hat sie Der Mann, der zweimal lebte von 1966 gesehen, aber sie weint aus anderen Gründen, die viel viel später von Guillermo Martínez aufgeklärt werden. In den Fall Der Fall Alice im Wunderland ist sie im Grunde reingestolpert. Als Doktorandin, die von ihrem Doktorvater allerlei mehr oder minder sinnvolle Aufträge bekommt, die dieser nicht selbst erledigen will, entdeckt sie im Archiv von Lewis Carroll den Zettel, auf dem dessen Nichte zusammengefasst hat, was auf der Tagebuchseite ihres Onkels aus dem Jahres 1863 stand, die sie entfernt hat. Natürlich will die Nachwelt im Oxford des Jahres 1995, in dem Guillermo Martínez dort an mathematischen Problemen forscht, die mit Alice im Wunderland nichts zu tun haben, nur eins wissen: Was verrät die Notiz auf dem Zettel, den die tränenüberströmt das Kino verlassende Kristen gefunden hat, über die verschwundene Tagebuchseite? Ohne zu spoilern: Am Ende will Kristen das zweite Leben, das ihr wie Rock Hudson im Film geschenkt wurde, nicht haben.

Aus Oxford verschwunden ist auch der iranische Physiker Rustum Marvar, ein Stipendiat wie Martínez, nachdem er gewissermaßen eine Wohnküchenlösung der Energieprobleme dieser Welt gefunden hat. Die hat er einem vertrauenswürdigen ebenfalls alleinerziehnden Vater eines ca. 13-jährigen Sohnes auf einen bierdeckelgroßen Zettel geschrieben, damit der entscheiden kann, wie und ob diese Entdeckung der Menschheit zugänglich gemacht werden kann, ohne sie den Geheimdiensten zu offenbaren, die dahinter her sind. Nicholas Shakespeare erzählt dies in dem Thriller Boomerang in einer Spannungskurve, die durchaus dem Flug eines Bumerangs ähnelt. Stellt sich nur die erzähltheoretische wie physikalische Frage: Ist der Bumerang bei seiner Rückkehr noch genau derselbe Bumerang, der er bei seinem Start war?

Weitere offene Fragen: Was unterschied Lewis Carroll, in dessen fotografischem Nachlass von ca. 1200 Bildern etwa 50% kleine Mädchen zeigen, von einem Pädophilen von heute? Die viktorianische Kultur, die in nackten Mädchen die Fleischwerdung der Unschuld sah? Wie kam es, dass bei Persson die Personifizierung von Ockhams Rasiermesser ausgerechnet eine wurstfressende und biertrinkende Polizistengestalt angenommen hat? Und wo ist eigentlich die Entdeckung des Physikers?

Monika Geier – Schreiben und Architektur

 

Monika Geier und Matthias Wittekindt haben zweierlei gemeinsam: Sie schreiben bemerkenswert normfrei Kriminalromane und beide sind studierte Architekten. 2018 bat ich sie, angeregt durch meine Fragen, etwas über ihr Verständis von Raum und Krimischreiben zu verfassen.
Hier sind Monikas Antworten auf meine Fragen, die Antworten von Matthias sind hier.

Als Architekt sieht man Räume und Landschaften bewusster oder professioneller als andere Menschen. Wie beeinflusst diese Sichtweise – sei sie bewusst oder unbewusst – Dein Schreiben?

Also eigentlich habe ich mich von der Architektur abgewandt und zu schreiben begonnen, als ich gemerkt habe, dass Architekt*innen Räume zähmen müssen. Von da ab hat mich der Beruf leider nicht mehr wirklich interessiert.
Räume, die du als Architekt*in zur Bearbeitung bekommst, müssen hell, freundlich, bewohnbar, dräniert und aufgeräumt sein, wenn du mit ihnen fertig bist. Aufregend und inspirierend an Räumen – auch an menschengemachten – ist aber, dass sie jede Art von Charakter haben können. Sie können auch dunkel, schroff und lebensfeindlich sein. Und in jedem Fall sind sie nicht ganz beherrschbar. Das darfst du dem Bauherrn gegenüber aber nicht zugeben. Du musst letztlich immer ins Positive und Funktionale hineinarbeiten und die Illusion bedienen, dass Umwelt anpassbar ist. Für was anderes würde der Bauherr kein Geld ausgeben. Als Architekt*in musst du die dunkle Seite des Raums aus deinem Denken verbannen. Das würde mir sehr schwerfallen.

Und noch was: Du als Architekt*in musst immer – immer! – stärker sein als der Ort, den du bebaust. Zumindest für eine Weile. Sonst sind deine Gebäude nicht sicher. Das heißt: Wenn du gut bist und man dich lässt, ringst du mit dem Ort, gewinnst ihm seine Magie ab und erschaffst etwas, das sich einfügt oder den Zauber sogar erhöht. Andernfalls machst du erstmal alles platt oder baust woanders, wo es nicht so toll ist. Aber du musst auf jeden Fall deinen Bauplatz beherrschen, notfalls indem du seinen Charakter schwächst. Dieses Gewinnenmüssen fände ich auf Dauer ermüdend. Beim Schreiben ist das ganz anders, da kannst du einem Raum sehr wohl seine Stärke lassen.

Matthias Wittekindt – Schreiben und Architektur

Monika Geier und Matthias Wittekindt haben zweierlei gemeinsam:
Sie schreiben bemerkenswert normfrei Kriminalromane und beide sind studierte Architekten. 2018 bat ich sie, angeregt durch meine Fragen, etwas über ihr Verständis von Raum und Krimischreiben zu verfassen.
Anlässlich der Veröffentlichung der Brüder Fournier veröffentliche ich den Text von Matthias (der Beitrag von Monika Geier ist hier).

Die Brüder Fournier spielt in „Envie“, einem Ort, den der Autor in der Nähe von Brüssel angesiedelt hat, halb Dorf, halb Vorstadt aus den zwanziger Jahren, aus einer Bauernsiedlung entstanden, keineweges ländliche Idylle trotz ausgedehnter Felder und Weisen, in der Anflugschneise des Flughafens Brüssel, der jetzt coronabedingt Pleite gehen wird, wenn die Lufthansatochter Brussels Airlines nicht mit Staatsknete gerettet wird.

Envie – ein Idealplan


Topographie und Soziologie von „Envie“ sind für das Aufwachsen der Brüder Iason und Vincent Fournier von zentraler Bedeutung. Matthias Wittekindt hat mir erlaubt, die farbige Skizze zu veröffentlichen, die er sich für die Arbeit am Roman gezeichnet hat:

Idealplan von Envie (c) Matthias Wittekindt

Tableaus, Konstellationen, Gefühle – von Matthias Wittekind

Fragen: Tobias Gohlis

Als Architekt sieht man Räume und Landschaften bewusster oder professioneller als andere Menschen. Wie beeinflusst diese Sichtweise – sei sie bewusst oder unbewusst – Dein Schreiben?

Man findet in guten Entwürfen häufig ein Gestaltungsprinzip, es könnte übersetzt lauten: Bauteile, die zu trennen sind, sind deutlich zu trennen. Ich gestalte meine Szenen, wenn möglich, als Tableaus. Es gibt einen Ort und es gibt die Figuren. Der Ort, sagen wir ein Parkplatz an der Autobahn, ist dann für drei oder vier Seiten die Bühne. Ich würde aber nicht unbedingt beginnen mit: Sie trafen sich an einem Autobahnparkplatz. Dann hätte ich die Figuren und den Ort bereits vermischt. Der Satz würde zwar recht natürlich wirken und sofort klarmachen, was los ist, besonders wirksam und lebensecht wäre es jedoch nicht.

Vielleicht erfahren wir zunächst nur, dass es laut ist, dass die Geräusche in Schüben kommen, dass manche es nicht schaffen vernünftig einzuparken und dass es nach Urin riecht. Lärm in Schüben bedeutet, dass die Figuren laut reden müssen. Sie mögen Wichtiges zu besprechen haben, sie mögen sehr verfeinerte Gedanken oder Verdachtsmomente austauschen. Doch alles an dem Ort spricht dagegen, dass sie das in Ruhe tun können. So kann der gestaltete Raum für sie zu einer Art Gegner oder Verbündetem werden. Und ich meine, das gelingt besonders dann, wenn man Ort und Figuren nicht verbindet. Man könnte in diesem Verfahren auch einen Verfremdungseffekt erkennen. Diese Verfremdung betrifft nicht das Gespräch, nicht das Denken und Wollen der Figuren, sondern nur das Bühnenbild. Indem die Architektur nicht sofort kenntlich gemacht wird, entblättert sich die Situation erst nach und nach. Das darf man allerdings nicht zu oft machen, sonst verwirrt man die Leser. Leider ist das so, ich ärgere mich da häufig.

Wenn der Killer gegen Alzheimer kämpft

Aufzeichnungen eines Serienmörders – das ist nicht gerade ein Titel, von dem man sich in Pandemiezeiten Ermutigung erhofft. Und doch bietet dieser Thriller des koreanischen Autors Young-Ha Kim auf raffinierte Weise Seelentrost, enthalten doch die Notate des siebzigjährigen Byongsu Kim eine komplexe, teils auch paradoxe Reflexion über Zeit, Leben und Sterben.

Wer könnte darüber besser nachsinnen als ein Serienmörder im Ruhestand, dessen Verstand vom Verschwinden durch Alzheimer bedroht ist? Eingestreut in die straffe, aber zwangsläufig immer stärker zwischen Realitätsverlust und Einbildung schwankende Thrillerhandlung sind Erinnerungen an die Bedingungen des Mordens unter der japanischen Besatzung Südkoreas und der späteren Diktatur, aber auch philosophische Gedankenschnipsel. „Alzheimer ist ein schlechter Scherz, den sich das Leben mit einem alten Serienmörder erlaubt“ – derartige zwischen platter Komik und Aphorismus schillernde Perlen von dubiosem Echtheitsgrad machen auch eine wiederholte Lektüre zum Vergnügen.

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Susanne Saygin: „Feinde“ – Laudatio zur Verleihung des Stuttgarter Krimipreises für das beste Debüt 2018

 

Susanne Saygin wurde am 29.3.2019 mit dem Wittwer-Thalia Debütkrimipreis 2019 für ihren Erstling FEINDE vor 300 Krimifans im Stuttgarter Wilhelma-Theater ausgezeichnet. Die Laudatio:

Feinde von Susanne Saygin

Als Susanne Saygin eines Morgens im Jahre 2009 in Köln-Ehrenfeld aufwachte, wurde ihr klar: ihre Welt hatte sich verändert. In das Nachbarhaus, in dem nur Platz für 80 Personen war, waren 250 bulgarische Roma eingesickert. Sie machten Krach und Müll, sie rochen schlecht, und Susanne Saygin machte eine verstörende Erfahrung. Ihre in sorgsamer Distanz zu überbevölkerten Häusern entwickelte politisch korrekte, wie sie sagt „unreflektierte Pro-Multi-Kulti-Haltung“ fiel in sich zusammen und wich sehr emotionalen, unkontrollierten Fluchtgedanken. Political correctness schlug, mit der Realität konfrontiert, um in Abscheu und sogar Hassgefühle.

Das war die Urszene, aus der der Kriminalroman FEINDE entstanden ist, der hier heute als bestes Debüt des Jahres 2018 ausgezeichnet wird.

„Etwas ist nicht geheuer. Damit fängt es an.“ Mit diesem Satz eröffnet Ernst Bloch seinen Essay über den Kriminalroman. Susanne Saygin war nicht nur ein Etwas nicht geheuer, sondern zwei.

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Doris Gercke: Frisches Blut

Beschädigtes Leben

Geschichten von Doris Gercke

Doris Gercke

Gut dreißig Jahre ist es her, dass der Kriminalroman Weinschröter, du musst hängen nicht nur die Krimifans in Erregung versetzte. Eine neue, raue weibliche Stimme meldete sich da, in harschen, lakonischen Sätzen beschrieb sie mit klinischer Präzision, was deutsche Krimis, von der Kunstliteratur mal zu schweigen, bisher sanft zu ummänteln pflegten. Einer Frau wurde nicht irgendwie „Gewalt angetan“, sondern sie wurde von einer Bande betrunkener Wendland-Rüpel mit einem Besamungsgerät sadistisch vergewaltigt. Ebenso klare Kante zeigte die Kommissarin. Sie hatte einen guten Zug, hielt auch sonst mit ihren Meinungen, speziell über maskulinen Abschaum und Ungerechtigkeit, nicht gerade hinter dem Berg. Die Kommissarin hieß Bella Block und wurde, verkörpert durch die famose Hannelore Hoger, in 38 TV-Folgen eine der bekanntesten Fernsehkommissarinnen. Die Erfinderin der literarischen Figur, die schon bald den Polizeidienst quittierte und eigene Wege ging, war Doris Gercke. Kurz vor ihrem fünfzigsten Geburtstag hatte sie nach Begabtenabitur und Studium mitten in den juristischen Staatsprüfungen zum Richteramt ihren ersten Kriminalroman veröffentlicht. So sah 1988 weiblicher Aufbruch aus.

Jetzt hat Doris Gercke, die gerade 82 Jahre alt geworden ist, nach 17 Krimis mit einer immer einzelgängerischer werdenden Bella Block und weiteren Romanen einen Band mit Geschichten vorgelegt, in dem eine verteufelt gute Schriftstellerin noch einmal zeigt, was sie draufhat. Frisches Blut sind diese 15 deutschen Geschichten überschrieben. Einige sind früher schon in Anthologien erschienen, andere sind unveröffentlicht, allen gemeinsam ist der lakonische, mal ins Sarkastische, mal ins Satirische schwingende, immer aber trockene Erzählton.

Man könnte sie in Anlehnung an Adornos Minima Moralia als „Erzählungen aus dem beschädigten Leben“ charakterisieren. Oft beginnen sie mit einem Bruch. Eine Frau möchte nicht mehr bei ihrem Mann bleiben, ein Richter Beruf und Ehe für eine Jüngere verlassen. Selten geht das gut aus, aber meist mit offenem Schluss. Der Fall ist zwischen zwei Sätzen versteckt, die man leicht überliest. Es geht um Dispositionen, aus denen etwas geschieht, nicht um Taten. Warum schlägt jemand, was bewegt jemanden, zu gehen, zu schießen? Gerckes Blick ist selten so parteiisch wie in der schwarzhumorigen Geschichte Huren von Hagen, meist ist er analytisch distanziert. Stark sind diese kurzen Geschichten, abgeklärter als die verwandten eines Ferdinand von Schirach, ohne dessen Yellow-Press-Effekte. Und völlig frei vom vermeintlichen Auflösungszwang des Kriminalromans.

Doris Gercke: Frisches Blut
Deutsche Geschichten; Ariadne im Argument Verlag, 210 S., 15,– €

 

 

 

 

Dieser Beitrag wurde zuerst in der ZEIT Nr 10 vom 27.2.2019 veröffentlicht

Die Minibombe in der Kloschüssel

Un-Su Kim spielt aus Korea das europäische Bild vom Samurai zurück: Sein Auftragskiller ist eine kafkaeske Figur in der unrühmlichen südkoreanischen Geschichte von politischem Mord und Totschlag

Raeseng soll von ferne einen alten Mann erschießen, der in seinem Garten arbeitet. Aber er findet den rechten Augenblick dazu nicht, und dann schläft er ein. Der alte Mann weckt ihn, lädt den vermeintlichen Jäger in sein Haus, zecht mit ihm die Nacht durch. Am nächsten Morgen verabschiedet sich Raeseng und erschießt den alten Mann von ferne.

Un-Su Kim © Dahuim Paik

Lakonisch berichtete Szenen wie diese rücken Un-Su Kims Roman Die Plotter in ein merkwürdiges Licht. Man kommt sich bei der Lektüre vor wie der automatische Fokus einer Digitalkamera, der sich bei Dämmerung nicht scharf stellt. Ständig springen die Bedeutungen weg. Dabei handelt es sich scheinbar um ein vertrautes Sujet, dem der 1972 geborene Kim nur eine (süd)koreanische Variante hinzufügt: die Einsamkeit des Auftragsmörders.

Aber schon der Titel zielt nicht auf den einsamen Mann mit seiner Waffe, sondern auf die, die hinter ihm stehen: Die Plotter sind gesichtslose „Mordservice-Provider“. Seit mehr als 90 Jahren (seit Korea Japans Kolonie wurde) entwerfen die Plotter Mordpläne für die Herrschenden. Raeseng ist schlichter Auftragskiller, ein Angestellter der Mordmaschine. Viel älter als 28 wird er – das weiß er mit stoischem Fatalismus – nicht werden. Seine Unschuld erinnert an Parzival, sein Herumirren an Odysseus, und Melvilles Eiskalter Engel (im Original Le Samouraï) gehört auch zu Kims Anspielungskosmos, wie der dramatische Showdown erkennen lässt.

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Tobias Gohlis‘ zehn beste Kriminalromane 2018

Was waren die zehn besten Kriminalromane des Jahres 2018?

Ich habe unter den 69 Titeln, die zwischen Januar und Dezember auf der Krimibestenliste standen, neun gefunden, die ich für hervorragend halte – aus unterschiedlichen Gründen.
Zwei Empfehlungen bilden eine Ausnahme: Obwohl Dirty Cops von Adrian McKinty für sich genommen nicht der beste Roman seiner Serie um den katholischen Bullen Sean Duffy ist – schwer zu entscheiden, welchem von den sechs bisher auf Deutsch erschienenen dieses Pädikat zukommt – habe ich ihn ausgewählt, um auf diese herausragende Serie historischer Kriminalliteratur hinzuweisen, die mit immer wieder spannend konstruierten Fällen eng an den historischen Ereignissen die blutige und traurige Geschichte der Troubles aus der Perspektive eines Polizisten erzählt, dessen Loyalitäten gespalten sind. Im aktuellen Fall zwischen sentimentaler Erinnerung an die Jugendfreundschaften und der Bindung an das, was immer wieder neu als Recht und Gesetz interpretiert werden muss.

Genauso wenig, wie Serien ihren Platz auf der Liste der zehn besten Kriminalromane eines Monats ihren Platz haben, wählt die Jury Neuausgaben von Kriminalromanen, die bereits erschienen sind. Aber ich kann da natürlich eine Ausnahme machen.
Wirklich beeindruckt hat mich die Lektüre der vierteiligen Serie um den Arzt ohne Approbation und späteren Polizisten Duca Lamberti, die Giorgio Scerbanenco Mitte der sechziger Jahre, alo vor gut 50 Jahren geschrieben hat. Die Wiederveröffentlichung dieser Romane im Folio-Verlag ist eine wirkliche Entdeckung, für Fans wie für Neueinsteiger in literarisch herausragende Kriminalliteratur. Zu Die Verratenen habe ich das Nachwort verfasst, ein größerer Artikel über Giorgio Scerbanenco und die Begegnung mit seiner Tochter Cecilia ist am 30.10. 2018  in der ZEIT erschienen und hier nachzulesen. Ausdrücklich empfehle ich alle vier Romane. Bereits erschienen:

Das Mädchen aus Mailand
Die Verratenen
2019 erscheinen:
Der lombardische Kurier (19.2.)
Ein pflichtbewusster Mörder (31.7.)

Meine Auswahl der zehn besten Kriminalromane des Jahres 2018 können Sie als PDF hier herunterladen.

Ich wünsche Ihnen ein gutes, friedliches Jahr 2019.

 

Krimi Global

Literaturnachrichten 4-18

Einen kleinen Ausblick auf die glänzende Gegenwart und Zukunft der internationalen Kriminalliteraur geben die Literaturnachrichten von Litprom.
Thomas Wörtche dröselt in seinem Einleitungsbeitrag Kriminalliteratur als globalen Code auf, der die Spannungen zwischen Gerechtigkeit und Wirklichkeit, Aufklärung und Aufklärbarkeit immer wieder neu so ent- und verschlüsselt, dass die Wahrnehmungskonstruktionen, die wir so mit uns im Kopf herumschleppen, erschüttert und aufgeraut werden.
Da mit das nicht so abstrakt bleibt, sondern konkret wird, werden in den folgenden Interviews und Porträts wichtige Autoren der globalen Kriminalliteratur vorgestellt, vor allem die, die an den Litpromliteraturtagen am 25. und 26. Januar 2019 in Frankfurt am Main teilnehmen werden.

Neben vielen anderen aus der Zunft bin ich mit zwei kleinen Beiträgen in den Literaturnachrichten vertreten: mit einem Porträt von Deon Meyer und einer Rezension zu Nii Parkes‚ „Spur des Bienenfressers“, ein Beispiel dafür, dass auch ein Dorfjäger seine Methoden zum globalen Code beiträgt.