Andrea Fischer Schulthess: Motel Terminal

Die Bürde der Mutterschaft

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Andrea Fischer Schulthess, Bild: Sibylle Meier

Gute Krimi-Idee: Ein Mädchen wird seit knapp dreizehn Jahren gefangen gehalten. Von ihrer eigenen Mutter. Deren Motive sind lange ein Rätsel. Sie bestraft Meret, indem sie ihr eine Nadel durch den Arm sticht, aber sie beschützt sie auch. Vor denen da draußen. Mit Babynahrung und in Schutzfolie verschweißtem Plastikbesteck wird sie ernährt, damit keine Keime an sie herankommen. Die Mutter überprüft bei ihren Kontrollbesuchen, ob Meret ihre Päckchen Mathe gelöst und Alice im Wunderland gelesen hat. Meret fehlt es an nichts, weil sie Freiheit nicht kennt.

Gehalten wird Meret im vergammelten Haus ihrer Großtante, die einst das titelgebende Motel Terminal als Stundenhotel in einem kleinen Ort im Aargau betrieben hat. Als die Tante einem Herzinfarkt erliegt, gerät Mutter Noras Doppelleben in die Bredouille. Sie hat aus Versorungsgründen einen wohlhabenden Mann geheirat, der ausgerechnet jetzt mit ihr seinen Kinderwunsch auf einer romantischen Paris-Reise realisieren will.
Zur Versorgung ihrer außerhalb von Recht, Ordnung und Sozialstaat aufgezogenen Tochter muss sie für die Zeit der Paris-Reise eine andere Illegale anheuern, eine Rumänin ohne Papiere. Spannung zu Hauf: Wird die Tochter ohne gewohnte Betreuung überleben? Kann der Schein gewahrt werden? Wie kommt Nora aus der Wohlstands-Kinderfalle Ehe raus? Und noch ein paar melodramatische Aufreger mehr. Dazu die Rätselfrage: Warum das Ganze?
Dass Nora kein Priklopil und Meret keine Natascha Kampusch ist, erklärt sie in einem schwachem Moment des Textes ihren Leserinnen gleich selbst:

Natürlich hatte Nora versucht, Parallelen zu ihrem Leben zu suchen. (..) Bloß gab es diese Parallelen gar nicht. Ihre einzige Gemeinsamkeit war, dass Meret ebenfalls eingeschlossen leben musste. (..) Was sie tat, geschah aus Liebe, das war ein ganz grundlegender Unterschied. Und sie hatte ihr Kind nie jemandem
weggenommen. Im Gegenteil. Sie beschützte es. Sie tat alles, was sie tat, für das Kind und nicht für sich selbst.

Leider hat dieser Text viele schwache Momente. Andrea Fischer Schulthess erzählt die dramatischen Verwicklungen hauptsächlich aus der Perspektive der einzelnen Figuren – und mit Ausnahme einiger Apperçus zur Mann-Frau-Beziehung in einer Ratgebersprache, die keiner Figur mehr Differenzierung gibt als eine Illustrierte.
Fazit: ein interessanter Plot, eher mittelmäßig erzählt. Ein fiktionaler Beitrag zu Regretting Motherhood
Andrea Fischer Schulthess: Motel Terminal
Salis Verlag, 346 S., 24,95

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