Misha Glenny: Der König der Favelas

Als sich Rio de Janeiro als Austragungsstätte für die Fußballweltmeisterschaft bewarb und für die Olympischen Spiele 2016 kandidierte, hatte die Stadt am Zuckerhut ein Problem. Sie galt als unsicher. Mindestens ein Viertel der rund 7 Millionen Einwohner lebte und lebt in Favelas. Und die Favelas wurden von Drogenbanden kontrolliert, auf die die Polizei keinen Zugriff hatte.

Rechtzeitig vor Eröffnung der Olympischen Spiele ist jetzt ein Buch über die Machstrukturen in diesen Inseln der Armut und der Gewalt erschienen. Verfasst hat es Misha Glenny, ein versierter Kenner der internationalen Organisierten Kriminalität. Sein Buch McMafia. Die grenzenlose Welt des Organisierten Verbrechens von 2008 ist ein unverzichtbarer Überblick zum Thema. Das aktuelle mit dem Titel Der König der Favelas ist als Porträt eines Mannes angelegt, der länger als jeder andere brasilianische Drogenboss der Don der berühmten Favela Rocinha war.

Der gute Herrscher

Sein Spitzname ist Nem und wie bei einem Feudalherrn lautet dieser vollständig Nem da Rocinha. Mit dem Unterschied nur, dass Antônio Francisco Bonfim Lopes – so sein bürgerlicher Name – zwar 1978 in Rocinha geboren wurde, aber immer nur ein König auf Zeit war. Ein guter König, daran lässt Glenny kaum Zweifel.

Glenny hat einige Monate in Rocinha gelebt und mehrfach mit seinem Protagonisten im Hochsicherheitsgefängnis Campo Grande ausführlich gesprochen. Seine von unzähligen kleinen Detailbeobachtungen über Machtausübung und -strukturen gespickte Reportage erzählt im Kern die Legende vom 24-jährigen Vater Antônio, dessen knapp einjährige Tochter an der seltenen und meist tödlichen Krankheit Histiozytose X erkrankt ist. Der junge Vater hat doppelt Glück: Er stößt auf Ärzte, die die Krankheit erkennen und behandeln können und findet Gnade beim allmächtigen Don Lulu, der ihm die 20.000 Reais (ca. 10.000 €) für die Behandlung leiht. Antônio kann diese Summe mit seinem bescheidenen Gehalt als lokaler Dispatcher im Zeitungsvertrieb niemals zurückzahlen. Er bietet dem Don seine Dienste an. Da er organisieren kann, über Geschäftssinn und eine gewisse Schulbildung verfügt, steigt er in der Hierarchie des Roten Kommandos (einem der großen Kartelle Rios, das damals Rocinha kontrolliert) schnell auf. Lulu ist sein Vorbild: der Don, der 1999 die Kontrolle von Rocinha übernommen hat, setzt auf Geschäft statt auf Waffengewalt. Von ihm lernt Nem  herrschen ohne zu schießen. Zu diesem Zeitpunkt betrug die durchschnittliche Herrschaftsdauer eines Don zehn Monate, bevor er umgebracht oder gefangen genommen wurde.

Nem brachte es, als er selbst die Macht übernahm, auf sieben Jahre. Bis er im November 2011 in einer filmreifen Aktion geschnappt wurde, im Kofferraum des Wagens seiner Anwälte versteckt. Da hatte er schon verschiedentlich Ausstiegsmöglichkeiten sondiert. Die Macht über mehrere hundert Dealer, Informanten und Soldaten, die Verantwortung für die 100.000 bewohner der Favela, die Sorge um den Schutz von zwei Exfrauen, dazu der aktuellen und von mehreren Kindern, geschweige denn die Politik, der Kampf mit den anderen Kartellen und die Aufrechterhaltung der Bestechungsmaschinerie hatten ihn fertig gemacht. Eindrucksvoll  schildern ehemalige Vertraute Heulkrämpfe und Nervenzusammenbrüche ihres Bosses. Natürlich nur im allerengsten Kreis – auch brasilianische Dons weinen nicht.

assistencialismo

Trotz einiger einschränkender Bemerkungen (ja, er ist ein Verbrecher) ist Glenny voller Bewunderung für die intellektuelle, organisatorische und politische Leistung von Antônio Lopes. Als Don kümmert er sich nicht nur darum, seine meist sehr jungen Soldaten zu disziplinieren (keine Paraden mit Waffen), sondern organisiert in enger Zusammenarbeit mit dem gewählten Sprecher der Einwohner Lebensmittel, Medikamente und Darlehen für die Allerärmsten und seine Anhänger, allein 600 Familien werden wöchentlich mit Gemüse versorgt. Dieses System des assistencialismo zusammen mit friedenssichernden Maßnahmen bescherten Rocinha ein goldenes Zeitalter, in dem die Geschäfte (auch die nicht-kriminellen) blühten, Diebstähle und andere Formen von Kleinkriminalität unterbunden waren und die Mordrate wesentlich niederiger lag als in anderen Favelas zuvor oder danach. Teile von Rocinha wurden zur Partymeile der Mittelschichten Rios.

Die Favela Rocinha 2014, CC-BY-SA 4.0

Die Favela Rocinha 2014, CC-BY-SA 4.0

Das Problem dieser guten Diktatur sind – neben der Überlastung des Diktators – die gesellschaftlichen Kräfte, die sie destabilisieren: ungebildete, wilde Jugendliche, die mit Gewalt und Waffen protzen möchten; rivalisierende, schlecht ausgebildete und unterbezahlte Polizeieinheiten, die alle befriedet und bestochen werden müssen; konkurrierende Banden, die nicht dem business-and-peace-code Nems folgen; Disziplinlosigkeit bei der Einhaltung der Sicherheitsvorschriften.

Unklarheiten

Glenny hat sich in die Geschichte von Rocinha gekniet, zahllose Details und Geschichten aufgeschnappt. Etwa die, wie in den achtziger Jahren „linke“ Guerilleros im Knast die ungebildeten Drogenbosse in Strategie und Taktik schulten. Oder von der Geiselnahme im Hotel Intercontinental, die trotz Nems souveränem Eingreifen zum Beginn seines Untergangs wurde. Die Einblicke, die er in Rivalitäten und Machtkämpfe gibt, sind eindrucksvoll detailliert.

Dennoch bleibt vieles im Unklaren. Manches muss vielleicht auch so bleiben, weil Nem prozessiert und auf kurze Strafen hofft. Trotz dieser Einblicke wird nicht wirklich klar, wie die Drogenverarbeitung und der Handel in der Favela funktionieren. Auch die politischen Strategien zur „Bekämpfung“ der Drogengangs könnten besser dargestellt und erörtert sein. Allzu sehr nimmt Glenny die Statemants seiner Interviewpartner im Staatsapparat als bare Münze.
Der Ansatz, sich die lokale Drogenkriminalität über die Person Nems zu erschließen, hat den Vorteil, Verständnis für die persönlichen und sozialen Umstände in der Favela zu wecken, unter denen sie als beinahe einzige Möglichkeit erscheint, tatkräftig und erfolgreich an seinem Schicksal etwas zu ändern. Der Drogenhandle ist eine der wenigen Chancen, die die Ausgeschlossenen in den Favelas haben. Ihr sozialer Status unterscheidet sich nur graduell von dem der neidersten Kasten in Indien.
Die Nachteile der Reportagemethode liegen auf der Hand. Mit personalisiertem New Journalism allein kommt man der komplexen Situation (Schwellenland, Ex-Militärdiktatur, Machtoligopole, etc.) nicht bei. Pseudo-situative Einstiege („Ein paar Monate später, Soares nahm gerade eine Auszeit, klingelte eines Nachmittags das Telefon. Es war Lulu.“)  lenken oft auf Nebensächlichkeiten ab.

Trotz dieser Schwächen ist Der König der Favelas ein unbedingt lesenswertes Buch. Nicht nur im Vorfeld der Olympischen Spiele ist es wichtig, einen Einblick in den Verhau aus Korruption, Polizeiwillkür und Unfähigkeit zu bekommen, unter dem die Mehrheit der Brasilianer leiden muss.  Als 2013 im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft mit der fast ausschließlich militärischen Strategie der Pazifikation die Favelas „gesäubert“ (d.h. von schwer bewaffneten Polizeisespezialkräften besetzt und teilweise abgerissen) wurden, brachte die Polizei u.a. den völlig unschuldigen Maurer Amarildo um – ein Fall, der bis heute nicht juristisch geahndet ist. Das Versagen der politischen Eliten (auch der linken, denen Glennys skeptische Sympathie gehört) wird deutlich: Für die Lösung der zugrundeliegenden sozialen Probleme haben sie nur große Worte. Entsprechend kollabieren auch die zunächst positiv wirkenden Polizeimaßnahmen unter dem Druck von Armut, Unbildung und Korruption. Nicht nur darüber berichtet hervorragend ein deutsches Frauenteam auf favelawatchblog.com/.

Bemerkenswert ist auch die Idee, die Glennys Bewunderung für Nem leitet: Er sieht den Unternehmer-Don als Beispiel dafür, dass man das Armutsproblem, das viel gravierender ist als das Drogenproblem, mit den Drogenbossen lösen könnte – und nicht im Krieg gegen sie. Aber dazu müssten diejenigen, die auf dem „Asphalt“ – so heißt die Mittelschichtwelt Rios – von der Illegalität der Drogen profitieren, das Ihre beitragen. Für sie ist es einfacher, dass alles so bleibt, wie es ist. Das heißt: Offiziell die Drogenkriminellen als Inkarnation des Bösen verteufeln, zugleich mehrfach (nicht zuletzt durch den Konsum) von ihnen und ihrer Illegalität profitieren, den staatlichen Gewaltapparat aufrüsten und die sozialen Verhältnisse unangetastet lassen. Über allem weht in Kürze die Flagge mit den fünf olympischen Ringen.


Misha Glenny: Der König der Favelas
Brasilien zwischen Koks, Killern und Korruption
Aus dem Englischen von Dieter Fuchs
Tropen, 424 S., 22,95 €

 

 

 

 

 

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