Die Minibombe in der Kloschüssel

Un-Su Kim spielt aus Korea das europäische Bild vom Samurai zurück: Sein Auftragskiller ist eine kafkaeske Figur in der unrühmlichen südkoreanischen Geschichte von politischem Mord und Totschlag

Raeseng soll von ferne einen alten Mann erschießen, der in seinem Garten arbeitet. Aber er findet den rechten Augenblick dazu nicht, und dann schläft er ein. Der alte Mann weckt ihn, lädt den vermeintlichen Jäger in sein Haus, zecht mit ihm die Nacht durch. Am nächsten Morgen verabschiedet sich Raeseng und erschießt den alten Mann von ferne.

Un-Su Kim © Dahuim Paik

Lakonisch berichtete Szenen wie diese rücken Un-Su Kims Roman Die Plotter in ein merkwürdiges Licht. Man kommt sich bei der Lektüre vor wie der automatische Fokus einer Digitalkamera, der sich bei Dämmerung nicht scharf stellt. Ständig springen die Bedeutungen weg. Dabei handelt es sich scheinbar um ein vertrautes Sujet, dem der 1972 geborene Kim nur eine (süd)koreanische Variante hinzufügt: die Einsamkeit des Auftragsmörders.

Aber schon der Titel zielt nicht auf den einsamen Mann mit seiner Waffe, sondern auf die, die hinter ihm stehen: Die Plotter sind gesichtslose „Mordservice-Provider“. Seit mehr als 90 Jahren (seit Korea Japans Kolonie wurde) entwerfen die Plotter Mordpläne für die Herrschenden. Raeseng ist schlichter Auftragskiller, ein Angestellter der Mordmaschine. Viel älter als 28 wird er – das weiß er mit stoischem Fatalismus – nicht werden. Seine Unschuld erinnert an Parzival, sein Herumirren an Odysseus, und Melvilles Eiskalter Engel (im Original Le Samouraï) gehört auch zu Kims Anspielungskosmos, wie der dramatische Showdown erkennen lässt.

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Giorgio Scerbanenco – meine Krimientdeckung des Jahres

Giorgio Scerbanenco

Meine Krimi-Entdeckung des Jahres ist der 1969 verstorbene Giorgio Scerbanenco.
Ich hatte um die Jahrtausendwende schon einige seiner Romane gelesen, konnte mich aber nicht mehr daran erinnern, als mich Ludwig Paulmichl, einer der beiden Verleger des Folio-Verlags im Frühjahr bat, ein Nachwort in seiner Neu-Edition der Duca-Lamberti-Romane zu verfassen.
Zu den Autoren, die ihre Zeit der Rezeption haben, gehört Giorgio Scerbanenco. Vor knapp 20 Jahren war ich noch nicht reif, seinen spröden, multiperspektivischen, bis zur Bitterkeit selbstironischen Stil adäquat genießen zu können.
Inzwischen ist das Nachwort erschienen, zwei der vier Lamberti-Romane ebenfalls, und ich konnte in Mailand mit Cecilia Scerbanenco sprechen, seiner jüngsten Tochter, die sich das Werk ihres Vaters pflegt. Über dieses Treffen habe ich einen Artikel in der ZEIT vom 31.10. veröffentlicht. Der aber aus Platzgründen etliche Details des Besuchs und des Gesprächs nicht enthalten konnte, so dass ich jetzt eine erweiterte Fassung an dieser Stelle veröffentliche.
Der in der ZEIT erschienene Text ist normal, die nachträglichen Ergänzungen sind kursiv gesetzt.

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Giorgio Scerbanenco: Die Verratenen

Wiederentdeckung eines der ganz Großen der internationalen Kriminalliteratur

 

Giorgio Scerbanenco, 1911 in Kiew geboren, aufgewachsen in Rom, verschlagen nach Mailand, gestorben 1969 viel zu jung daselbst, transponierte nicht nur das Modell des amerikanischen Privatdetektivs in die italienische Wirklichkeit der End-Sechziger-Jahre und wurde dadurch zum Paten des modernen italienischen Kriminalromans. Mit seinen vier Romanen um den Arzt, Mörder aus Mitleid und Polizisten Duca Lamberti schlug er eine gegenüber allen Ideologien skeptische, an jeder übergeordneten Moral zweifelnde bissige Tonlage an, die in der Kriminalliteratur selten war und selten geblieben ist.

Jeder italienische Kriminalschriftsteller ist stolz, wenn er die höchste Auszeichnung, den Premio Scerbanenco, erhält. Jetzt gibt der kleine Folio-Verlag aus Südtirol und Wien, spätestens seit der Veröffentlichung von Giancarlo de Cataldos Romanzo Criminale eine allererste Adresse für italienische Kriminalliteratur im detuschsprachigen Raum, die vier Romane um Duca Alberti neu heraus. Mit Vorworten von Giancarlo de Catalado und Gianrico Carofiglio, von Thomas Wörtche und mir.

Mein Nachwort zu dem zweiten Band Die Verratenen, 1966 erschienen als Traduttori di tutti, können Sie hier nachlesen.

Lisa McInerney: glorreiche Ketzereien

Eine Entdeckung und ein Debüt auf Deutsch: Lisa McInerney.

Die Juroren, die 2015 Glorreiche Ketzereien mit dem Desmond-Elliot-Prize für den besten Debütroman auszeichneten, wussten, was sie taten. Indeed, dieser Roman verbindet „Breite und Tiefe in einer fesselnden Erzählung“, wie die Regularien fordern. Und erhielt gleich noch dazu den angesehenen Women’s Prize for Fiction für den besten englischsprachigen Roman. (Wann werden in D-schland wohl Kriminalromane große Literaturpreise bekommen?)

Die 1981 geborene Lisa McInerney begann als Bloggerin und mit Kurzgeschichten. Glorreiche Ketzereien ist ein groß(artig)er Roman, glänzend übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Er beginnt mit einem stumpfen Schlag.
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Marcie Rendon: Am Roten Fluss – Interview

Am Roten Fluss ist ein großartiger Kriminalroman mit einer Heldin, die meines Wissens einzigartig in der Kriminalliteratur ist: eine junge indianische Frau. Und die Autorin Marcie Rendon ist eine Native American. Am Roten Fluss ist ihr erster Roman. Heldin ist die 19jährige Cash, der es gelungen ist, mit Hilfe von Sheriff Wheaton ein selbständiges Leben als Landarbeiterin zu führen, nachdem sie von ihrer Mutter getrennt und in die Pflegschaft weißer Farmerfamilien gegeben wurde. Dieses Pflegschaftssystem ist das „wahre Verbrechen“, von dem der Roman handelt, obwohl es auch zwei Morde gibt, zu deren Aufklärung Cashs spezielle Fähigkeiten und local knowledgede gebraucht werden. Das Interview über diese Hintergründe haben wir per Mail geführt.

Dear Marcie,
Am Roten Fluss scheint auf persönlichen und kollektiven Erfahrungen zu beruhen. Wie viel von dem, was die 19-jährige Cash erlebt, ist autobiographisch? Sowohl Cash als auch Sie haben beispielsweise 1971 begonnen, an der Moorhead State University in Minnesota zu studieren.

Am Roten Fluss ist Fiktion, aber wie die meisten anderen Autoren habe ich auf etwas zurückgegriffen, was ich kenne. Die Geschichte einer Jugendlichen, die unter Pflegschaft aufwuchs, ist nur allzu häufig geschehen und bei fast allen ähnlich verlaufen.

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Gary Victor: Suff und Sühne

Gary Victor, einer der schärfsten Kriminalschriftseller der Welt, ist unterwegs in Deutschland. Hier die Daten seiner Lesereise.

Sein Held Dieuswalwe Azémar lässt sich „nicht in die Knie zwingen.“ Niemals. Alles kann er ertragen, nur nicht Haiti. Im Grunde genommen alles, was Haiti unerträglich macht: die Korruption, die Bereicherungsgier der Herrschenden, die Duldsamkeit der Bevölkerung, die Verderbtheit seiner Behörde. Damit er Haiti ertragen kann, trinkt er, ein selbstzerstörerischer Heiliger der Gerechtigkeit. „Soro“ hieß der letzte Roman. Nach dem bitteren grünen Gift, das Dieuswalwe trinkt bis zum Umfallen. 2010 spielte der. Dieuswalwe vögelte gerade die Frau seines Chefs, da stürzte über ihm die Decke zusammen. Der Suff, dachte er, aber es war das Erdbeben.
In „Suff und Sünne“ liegt er wieder im Bett. Monster wie die Riesentarantel, die an seinem Fleisch knabbert, werden nicht vom Suff, sondern vom Entzug hervorgerufen. Auch die  schöne Frau, die in seinem vollgekotzten Zimmer erscheint, ist keine Halluzination. Dieuswalwe bleiben nur Minuten, um sich in sie zu verlieben.
Sie will ihn erschießen. Denn er hat, wie die Bilder zeigen, die sie mitgebracht hat, ihren Vater liquidiert. Im Suff. Den brasilianischen Kommandanten der UN-Stabilisierungstruppen MINUSTAH und einzigen Mann, der gegen die organisierte Plünderung Haitis durch seine Truppen und lokale Gangster vorging. Sie schießt schneller als er sich rechtfertigen kann. Verletzt muss er fliehen, denn an die Tür pochen schon die UN-Truppen, die das Land kontrollieren. Er hört noch den Schuss, mit dem sie die Tochter des Generals liquidieren.

Allein, gejagt von den Qualen des Entzugs, den Besatzungstruppen und der eigenen Polizei, versucht Dieuswalwe klarzukriegen, was geschehen ist. Ja, er hat öffentlich gedroht, den General umzubringen, weil der ihm die Unterstützung gegen die Entführer seines besten Freundes, des Poeten Pierre Quartier, verweigerte. Aber hat er ihn auch erschossen? Dieuswalwe will das einzige verteidigen, was er hat: die beiden W in seinem Namen. Mit karibischem Stolz schreibt er ihn im einheimischen Kreol – denn auf Hochfranzösich ist sein Name der Hohn. Dieu soit loué, Gott sei gelobt. Sein ganzer Stolz: zwei W.
Der Mann muss fliehen, um seine Ehre zu retten. Und um Sühne zu leisten.

Seine Tochter wird entführt, auch der Sohn eines Industriellen. Den muss er befreien, will er seine Tochter retten. Obwohl er weiß, dass er nur einem weiteren Monster aus der herrschenden Klasse Raum zum Leben gibt. Derart sind die moralischen Konflikte eines aufrechten Mannes im korruptesten Land der Welt.

Ich bin gespannt, seinen Erfinder kennen zu lernen. Er müsste kochen vor Zorn, auch hier im kühlen Europa.

 

 

Gary Victor: Suff und Sühne
Aus dem Französischen von Peter Trier

Litradukt, 156 S., 11,90 €

 

Max Annas: Illegal

Der Thriller über die Unmöglichkeit, als Schwarzer ohne Papiere in Berlin ein rechtschaffenes Leben zu führen

Mit Illegal  wechselt Max Annas, den man zurecht als Shooting Star der deutschsprachigen Kriminalliteratur bezeichnen kann (Je ein Deutscher Krimipreis für Die Farm – 2015 – und Die Mauer – 2017) den Schauplatz. Seit zehn Jahren lebt Kodjo Awusi, gebürtig aus Ghana, mit gekauftem togolesischem Pass in Berlin.
Auch er erlebt die Grundszene aus Cornell Woolrichs/Alfred Hitchcocks Fenster zum Hof: Er wird Zeuge, wie im Haus gegenüber eine Prostituierte von einem Freier in sadistischer Raserei ermordet wird. Doch seine Fessel ist kein Gipsbein. Kodjo ist Gefangener seiner Situation als illegaler Schwarzer, sein Fenster gehört zu einer Dachwohnung in einem Abrisshaus, in dem er vorübergehend untergeschlüpft ist. Beim tollpatschigen Versuch, der vielleicht nur schwer Verletzten zu Hilfe zu

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Ulf Torreck: Fest der Finsternis

Fest der Finsternis von Ulf Torreck

 

Das ideale Buch für eine Grippe: vier Tage Abtauchen in die Welt des Ersten Kaiserreichs. Mit leichtem Fieber.

1805 in Paris. Es stinkt bestialisch. In der Seine wird der Torso einer Sechzehnjährigen gefunden, in deren Vagina ein merkwürdiges Kreuz. Kurz vor ihrem Tod hat sie entbunden. Kommissar Marais (=“ der Sumpf“) ist von Polizeiminister Fouché aus Brest zurückgeholt worden; er glaubt, Gott habe ihn beauftragt, Großes zu tun. Da Marais nicht weiterkommt, sucht er bei dem Mann Unterstützung, der sich mit außergewöhnlichem Sex, verborgenen Umtrieben und Blasphemie auskennt: Marquis de Sade.

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Patrick Mc Ginley: Bogmail

Die Kneipe, in die der Leviathan nicht reinkann

bogmailAls Bogmail 1978 erschien, war die lokale Presse nicht amüsiert. Zu pornograhisch, Nestbeschmutzung, befand damals der „Donegal Democrat“. Kein Wunder, wird darin doch ein Kollege des Donegal Dispatch als trinkfreudiger Kopist immer gleicher Nachrichten über Wetter und Haustiere karikiert. Und die an Roarty’s Kneipentresen entstandene winzige Opposition gegen den modernistisch-scheußlichen Kirchennaubau, den der Pfarrer zur Selbstbeweihräucherung errichten will, hält genau einer Drohung stand, bevor sie kapituliert. Erpressung und Drohung, Gerüchte und Verdächtigungen sind das Nährfutter der dörflichen Existenz von Glenkeel. Der kleine Ort an der irischen Nordwestküste, wohl identisch mit dem Glencolumbkille, in dem Patrick McGinley 1937 geboren wurde, befindet sich in jenem  Urzustand, den Thomas Hobbes als „Krieg aller gegen alle“ bezeichnet hat.
Mit dem Unterschied nur, dass der Krieg nicht offen ausgetragen, sondern jeden Abend mit einem Waffenstillstand unterbrochen wird, besiegelt an Roarty’s Tresen. Bei Hobbes wird der Frieden durch den Leviathan, den mächtigen absoluten Staat, garantiert. Nicht so in Glenkeel: Hier werden die Aggressionen gewaltfrei ausgetragen, im mal gelehrten, mal albernen, aber in jedem Fall einfalls- und wendungsreichen Gespräch.

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Charlie Stella: Johnny Porno

Multiple Vergnügen, scharfer Realismus

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Seinen ermordeten Vorgänger nannten sie Tommy Porno. Jetzt fährt Johnny Albano für Boss Eddie, der wiederum der Vignieri-Familie verantwortlich ist, Filmrollen durch  New York und kassiert die Einnahmen in den Schuppen, Kellerlokalen und Sportstudios, die die Mafia-Franchise-Unternehmer als illegale Abspielstätten für den verbotenen Superfilm Deap Throat benutzen. Und wird von jedermann Johnny Porno genannt.
„Ich heiße Johnny Albano!“ Er mag es so oft wiederholen, wie er will. So wie sie ihm seinen Namen nehmen, verfügen sie auch über seine Selbstbestimmung. Wollen es zumindest.

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