Giorgio Scerbanenco – meine Krimientdeckung des Jahres

Giorgio Scerbanenco

Meine Krimi-Entdeckung des Jahres ist der 1969 verstorbene Giorgio Scerbanenco.
Ich hatte um die Jahrtausendwende schon einige seiner Romane gelesen, konnte mich aber nicht mehr daran erinnern, als mich Ludwig Paulmichl, einer der beiden Verleger des Folio-Verlags im Frühjahr bat, ein Nachwort in seiner Neu-Edition der Duca-Lamberti-Romane zu verfassen.
Zu den Autoren, die ihre Zeit der Rezeption haben, gehört Giorgio Scerbanenco. Vor knapp 20 Jahren war ich noch nicht reif, seinen spröden, multiperspektivischen, bis zur Bitterkeit selbstironischen Stil adäquat genießen zu können.
Inzwischen ist das Nachwort erschienen, zwei der vier Lamberti-Romane ebenfalls, und ich konnte in Mailand mit Cecilia Scerbanenco sprechen, seiner jüngsten Tochter, die sich das Werk ihres Vaters pflegt. Über dieses Treffen habe ich einen Artikel in der ZEIT vom 31.10. veröffentlicht. Der aber aus Platzgründen etliche Details des Besuchs und des Gesprächs nicht enthalten konnte, so dass ich jetzt eine erweiterte Fassung an dieser Stelle veröffentliche.
Der in der ZEIT erschienene Text ist normal, die nachträglichen Ergänzungen sind kursiv gesetzt.

Der Ratgeber der Damen

„Mein Vater war ein empfindsamer, sensibler Mann.“ Cecilia Scerbanenco ist das wichtig. Wir sitzen auf der Gartenterrasse eines Hotels mitten in Mailand. Plötzlich ertönt ein wildes Geschepper von nebenan. Im Nachbarhof wird ein Glascontainer entleert. Brutaler Krach trifft auf Empfindsamkeit – ein Kontrast wie aus einem Roman von Giorgio Scerbanenco.

Cecilia Scerbanenco, Mailand September 2018 (C) Gohlis

„Ich war fünf Jahre alt, als er starb“, sagt Cecilia und zeigt auf dem Handy das Foto eines mageren Mannes im hellen Sommerhemd mit schütterem Haar, der zwei kleine Mädchen an der Hand hält. Das ältere, Germana, ist heute Tierärztin, das jüngere, die 1964 geborene Cecilia, ist Historikerin und Übersetzerin. Im Sommer hat sie die Biografie des Vaters unter dem Titel Il fabriccante di storie  veröffentlicht. In seinem kurzen Leben – er verstarb 1969 im Alter von 58 Jahren – war der Geschichtenfabrikant extrem produktiv. Eine „unvollständige“ Liste umfasst 92 Romane, 1380 Kurzgeschichten, 2143 kleinere Prosastücke, 296 Artikel, 40 Foto-Lovestorys, 7 Radiodramen und 2 Gedichte, veröffentlicht zwischen 1932 und 1969.

1: Das Mädchen aus Mailand 1964

2: Die Verratenen 1966

 

3: Der lombardische Kurier 1968

4: Der pflichtbewusste Mörder 1969

Bestehen bleiben werden die vier Romane um den wegen verbotener Sterbehilfe entlassenen Arzt Duca Lamberti. Jetzt erscheint die Tetralogie wieder auf Deutsch im Wiener Folio-Verlag, einer festen Adresse für die erste Garnitur italienischer Kriminalschriftsteller. Drei der vier Romane sind schon lieferbar, der vierte erscheint im März, und jeder von ihnen ist ein kleines Wunder an genauer Beobachtung, stilistischer Modernität und moralischem Skeptizismus. Obwohl sie ein halbes Jahrhundert alt sind – sie erschienen zwischen 1964 und 1969 –, lesen sie sich frisch wie am ersten Tag.
Das hat drei Gründe: Ihre Themen brennen immer noch unter den Nägeln, die Protagonisten sind unvergesslich, und die Schreibe ist grandios. Im Zentrum stehen die Ausbeutung der Frau und der Boom der Sechzigerjahre, in denen sich Mailand aus einer ländlich geprägten Großstadt in eine Metropole des Verbrechens verwandelte.
Der erste Roman, Das Mädchen aus Mailand, beschreibt eine Kreisbewegung um Mailand. Die Handlung setzt ein in einer herrschaftlichen Villa, umgeben von Feldern und Dörfern im Osten, streift die Modellstadt Metanopoli im Westen und endet wieder am östlichen Stadtrand, wo auf dem freien Feld ein zwölfgeschossiges noch nicht fertig bezogenes Hochhaus aufragt.

Wer will, kann diese geographisch-soziale Bewegung auf der Karte nachvollziehen:
Die herrschaftliche Villa des Kunststoffherstellers und Ingenieurs Auseri liegt in der ländlichen Brianza. Metanopoli wurde als Modellstadt für modernes Arbeiten und leben von Enrico Matthei, dem enigmatischen Chef des italienischen Energiekonzerns ENI gegründet. Hier wird die Leiche des Mädchens aus Mailand Alberta Radelli gefunden, die angeblich Selbstmord begangen hat. Typisch Scerbanenco, über die Zeitungsmeldung darüber:

„SCHNEIDET SICH DIE PULSADERN IN METANOPOLI AUF, eine Überschrift, die der Nachricht einen Hauch von dramatischer Topografie verlieh, als habe die Tatsache, dass sich jemand die Pulsadern in Metanopoli aufschneidet, eine zukunftweisende Bedeutung in Hinblick auf den Wandel der Sitten, als wäre es ein Zeichen der Zeit: Heutzutage schneidet man sich die Pulsadern nicht mehr einfach zu Hause auf oder in Dörfern oder Städten mit ehrwürdiger Tradition und altmodischen Namen, Pavia, Livorno, Udine – nein, heutzutage schneidet man sich die Pulsadern in einem dieser modernen Zentren auf, wo sich alles ums Öl oder um die Schwerindustrie dreht, dem unaufhaltsamen Marsch in die Zukunft selbst in diesem letzten Willens- oder  Verzweiflungsakt sklavisch unterworfen.“

Der Kreis schließt sich am Stadtrand im Osten im zwölfgeschossigen Hochhaus einer noch nicht fertig bezogenen Wohnanlage, finanziert aus den Mitteln der Neureichen. Wie meist gibt Scerbanenco die genaue Adresse an:

„Via Egidio Folli. Sie lag ganz am Stadtrand, noch hinter dem Parco Lambro, und mündete am Ende in die Landstraße nach Melzo und Pioltello.“

Übrigens ganz in der Nähe des aus Mafiageldern mitfinanzierten Bauprojekts „Milano due“, Basis für Berlusconis nur wenige Jahre später gegründetes Imperium.

Darin schießen Pornofotografen Fotos für einen Prostitutionsring. Eine Verkäuferin und gelegentliche Prostituierte ist in ihre Fänge geraten, hat einen der Filme entwendet und dies mit dem Leben bezahlt. Scerbanenco beschreibt exakt den Punkt, an dem die althergebrachte Straßenprostitution der Mädchen vom Lande, die den nach „Eau de Cologne duftenden“ Onkels diskret durch die Siesta halfen, umschlägt in den internationalen Menschenhandel organisierter Verbrecher. Ein bronzefarbener Mercedes 230 und ein namenloser Geschäftsmann aus Bonn genügen als Andeutung. Scerbanenco gewährt seinem Helden Lamberti, aber nur selten den Verbrechern das Privileg eines eigenen Namens.

Den Mädchenhandel nannte man damals tratta delle bianche (Handel mit Weißen, im Unterschied zum Sklavenhandel mit Schwarzen).  Giorgio Scerbanenco entwickelte seine Fiktion aus dem Tatsachen-Material der Zeit. So fürchtet Kommissar Carrua, Duca Lambertis Förderer und Auftraggeber, aus dem Fall Alberta Radelli könne sich „ein zweiter Fall Montesi“ entwickeln. Scerbanenco erinnert damit an den bis heute unaufgeklärten Mord an einer jungen Prostituierten 1953 in Rom, in den Kleriker, Unternehmer und Politiker verwickelt waren. Auf diesen Fall spielt Federico Fellini in der Schlussszene von La dolce vita an, in der eine verkaterte Partygesellschaft über den angeschwemmten Leichnam eines Fisches stolpert, was damals eine allgemeinverständliche Anspielung an Montesi war. Alle vier Lamberti-Romane können als schwarze Auserzählung des von Fellini nur angedeuteten Syndroms Genusssucht plus Heuchelei gelesen werden.

 Überhaupt Lamberti. Im Mädchen aus Mailand ist er frisch aus dem Gefängnis entlassen. Weil er die Panikattacken einer sterbenskranken Patientin nicht mehr ertragen konnte, hatte er sie aus Mitleid getötet und wurde als Mörder verurteilt. Jetzt schustert ihm Kommissar Carrua aus der Mailänder Präfektur in der Via Fatebenefratelli Ermittlungsjobs zu. Lamberti vereinigt in sich widersprüchliche Regungen. Seine mit einem Kind sitzen gelassene Schwester versorgt er. Ihre kleine Sara liebt er zärtlich. Was ihn aber nicht hindert, das hoch fiebrige Kind einsam sterben zu lassen, um ein Verhör durchzuführen. Zu differenzierten Reflexionen über Recht, Schuld und Strafe ist Lamberti ebenso fähig wie zu rohen Gewaltausbrüchen gegen die Verbrecher.
Im Grad seiner inneren Widersprüchlichkeit unterscheidet sich Duca Lamberti von allen konventionellen Ermittlerfiguren. Er reagiert je nach Situation. Cecilia Scerbanenco erzählt, dass ihr Vater lange den Wunsch hegte, Neuropsychologie zu studieren. „Ihn interessierte die Psychophysiologe der Entscheidungen, wie sie von Wilhelm Wundt und anderen erforscht wurde. Er wollte wissen, warum Menschen in der einen Situation so und in einer anderen geradezu gegensätzlich reagieren.“
In seiner Rolle als Briefkastenonkel bei Frauenzeitschriften griff Scerbanenco auf seine Erfahrungen zurück. Auch die Form des Kriminalromans diente ihm dazu, innere Ambivalenzen auszutragen. Laut Cecilia enthält die schwer erträgliche Szene, in der Duca Lamberti seine Mitschuld am Tod der kleinen Sara mit Ärztesprüchen bagatellisiert, (im dritten Roman Der lombardische Kurier) einen Hinweis auf eine tiefe seelische Verletzung ihres Vaters. Als er 21 war, starb seine sechs Monate alte Tochter Elena unbemerkt, als er sie beaufsichtigen sollte. „Ich glaube, dass dies die Wunde war, die mein Vater nicht überwinden konnte. Dies ist vielleicht auch der Grund für sein unstetes Leben, seine Frauengeschichten, seine Depressionen und seinen Pessimismus.“
 Angst und hilflose Wut waren dem 1911 in Kiew als Sohn eines Altphilologen und einer Römerin geborenen Volodymyr Ščerbanenko nur allzu vertraut. Kurz nach der Geburt ging seine Mutter mit dem kleinen Baby zurück nach Rom, wo er in einem Frauenhaushalt aufwuchs. Nach Kriegsende reisten Mutter und Sohn 1919 nach Kiew und erfuhren, dass der Vater von den Bolschewiken erschossen worden war. Anderthalb Jahre dauerte ihre Odyssee durch die Flüchtlingslager, bis sie wieder in Rom waren. Nach Mailand zogen sie, um der Verheiratung der Mutter an einen alten Bauern aus der Toskana zu entkommen. Als sie krank wurde, musste der Sohn die Schule abbrechen und Aushilfsjobs annehmen, um sie beide durchzubringen. Anderthalb Jahre arbeitete er als Fräser, Lagerist und Krankenträger. Scerbanenco kam in Kontakt mit einer Gruppe später sehr einflussreicher junger Intellektueller, strich das k aus seinem Namen, litt aber zeit seines Lebens unter der Angst, wegen seines römischen Dialekts in Mailand nicht verstanden zu werden.

Nichtsdestotrotz fand er Anfang der dreißiger Jahre Anschluss an eine Gruppe von jungen Kulturrevolutionären, die inspiriert von modernistischen Strömungen wie dem Futurismus mit der verstaubten akademischen Tradition brachen, sich modernen Medien wie dem Film, dem Radio und Fotoromanen (Scerbanenco schrieb einen der ersten) zuwandten und für die einfachen Leute in einer ihnen verständlichen, zupackenden modernen Sprache schrieben. Unter diesen Freunden, die sich um den Corriere della Sera gruppierten, war der bekannteste Cesare Zavattini, als Drehbuchautor und Kritiker einer der wichtigsten Vertreter des neorealismo.

Diese Außenseitererfahrungen prädestinierten ihn zum sensiblen Ratgeber. „Adrianos“ Antworten spendeten in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Millionen von Leserinnen von Zeitschriften wie Bella, Annabella oder Grazia Rat und Mitgefühl. Im Leben war Giorgio Scerbanenco eher der Typ des respektvollen Verehrers der Frauen. „Ein bisschen wie aus der romantischen Literatur des 19. Jahrhunderts.“ Das ist der Eindruck, den Cecilia von ihrem Vater verbreiten möchte, entgegen der Fama vom Mann, der Hunderte von Frauen hatte. Scerbanenco war gefangen in einer im Alter von zwanzig Jahren geschlossenen, nie geschiedenen Ehe. In ihrer Biografie zählt Cecilia drei große Lieben auf. Die letzte compagna war ihre Mutter, eine Journalistin, die Scerbanenco bei einer der Frauenzeitschriften kennengelernt hatte, deren wohlhabender Direktor er inzwischen war. In der Beziehung zu ihr fand er die innere Ruhe, nach der er sich laut Cecilia immer gesehnt hatte.

Bei einem Spaziergang durch Mailand wird die Verquickung von früherem Privatleben und späterer Fiktion deutlich, mit der Giorgio Scerbanenco spielt. 20 Gehwegminuten liegen zwischen den beiden Adressen, die im Leben Scerbanencos wie im Leben seiner Hauptfiguren von zentraler Bedeutung waren.
In den Romanen wird als Adresse Duca Lambertis und seiner Schwester nur „Piazza Leonardo da Vinci“ angegeben. Es handelt sich tatsächlich um die Nummer 10 an diesem weiten Platz, der zu der Zeit Scerbanencos noch sehr am Stadtrand gelegen haben muss. Das Haus wurde 1932 errichtet, und nicht bald danach hatte Giorgio Scerbanenco eine Geliebte dort, die er regelmäßig besuchte. Etwa 10 Minuten sind es von dort zur Piazza Carlo Elba, wo das Verlagshaus Rizzoli bis vor wenigen Jahren seinen Sitz hatte. Giorgio Scerbanenco arbeitete dort fast sein ganzes journalistisches Leben. Und weitere 10 Minuten zu Fuß erreicht man via Plinio 6, wo er bis 1938 wohnte, und seine „legale“ Familie bis vor wenigen Jahren. Mit einer Träne im Auge erzählt Cecilia, dass ihr Halbbruder Alberto, Scerbanencos ältester Sohn, die Wohnung nach dem Tod der Mutter verkauft hat.
 

Piazza Leonardo da Vinci 10, fiktive Wohnung von Duca Lamberti

Im Haus Piazza Leonardo da Vinci 10 macht uns die Portiersfrau mit einer alten Dame bekannt, die seit 1940 dort wohnt. Leider kann sie sich trotz angestrengten Grübelns nicht an den Namen der vermutlichen Geliebten erinnern („Marile“,“Chiara“?), der vielleicht sogar die Biographin Cecilia überrascht hätte. Die alte Dame gehört zur Mailänder Intelligenz. „Ich habe Kunstgeschichte, Recht und Physik studiert und war in der Finanzverwaltung tätig.“ Sie zeigt uns die Bibliothek ihres verstorbenen Onkels, der als mehrfach ausgezeichneter Journalist über Kunst geschrieben hat: ein wildes Durcheinander von Papieren, Ordnern und Büchern, an gegenüberliegenden Wänden rechts seine Auszeichnungen, links ein Regal mit staubigen Weinflaschen. Die alte Dame macht uns mit dem Besitzer des Pubs bekannt, das im Erdgeschoss des Hauses liegt. Er bestätigte, sehr zur Freude Cecilias, dass es wissenschaftlich erwiesen sei, das dies und kein anderes Haus das Haus Duca Lambertis sein müsse. Ein Denkmalschützer von der nahe gelegenen Universität habe es mit Scerbanencos Beschreibungen vergleichen: Es ist das einzige Haus, das keine Rollläden, sondern nur hölzerne Fensterläden hat. Zu Scerbanencos Zeiten war das Pub ein Billardsalon, in dem regelmäßig spielte.
Als er zwischen1964 und 1969 die vier Romane um Duca Lamberti schrieb, griff Giorgio Scerbanenco auf die Erfahrungen zurück, die er in den dreißig Jahren zuvor in Mailand gemacht hatte.

In dieser Phase seines Lebens fand er auch die Kraft zur Erfindung der tollen Livia Ussaro, der Gefährtin Duca Lambertis. Livia, deren Nachname „Husar“ bedeutet, ist der Prototyp einer selbstbestimmten Frau. Während Scerbanenco eher auf den „weichen, anschmiegsamen Typus“ abfuhr, so die Tochter, ist Livia kantianisch rational. Duca Lamberti lernt sie kennen, als sie sich im Mädchen aus Mailand als Sozialforscherin mit der Ausbeutung der Frauen beschäftigt und sich dabei selbst helfen will. Sie untersucht die Prostitution durch teilnehmende Beobachtung, um festzustellen, unter welchen Bedingungen sie ihre angebliche Frigidität verlieren kann. Konsequent bis zur Selbstaufgabe stürzt sich Livia in die riskantesten Ermittlungen, aus denen sie dauerhafte Verstümmelungen davonträgt.

Cecilia nennt zwei Quellen für die Figur der Livia Ussaro. Zum einen lernte Giorgio Scerbanenco in den zwei Jahren, die er als Flüchtling vor den Nazis und Mussolini in der Schweiz verbrachte, auch eine kalifornische Geheimdienstlerin kennen, deren straffe Haltung, forsches Auftreten und Körpergröße er für die Husarin übernommen hat. Zum anderen wurde er durch das willensstarke Verhalten von Cecilias älterer Schwester Germana animiert. Er nannte sie halb ernst hab spielerisch Livia; ihre Geburt erschien ihm wie die Wiederkunft seiner Anfang der zwanziger Jahre verstorbenen kleinen Tochter Elena.
Die Fälle, mit denen Duca Lamberti zu tun hat, haben ihren Ursprung im Alltagsleben. Giorgio Scerbanenco war ein leidenschaftlicher Sammler von Zeitungsauschnitten. Cecilia hat u.a. mehrere Berichte von Autos gefunden, die in einen der innerstädtischen Kanäle aus dem 18. Jahrhundert,
naviglio genannt, gefallen sind. Das ist ein Ausgangspunkt für Die Verratenen. Außerdem sei er unendlich neugierig, vollständig vorurteilsfrei im Umgang und sehr kommunikativ gewesen. Er habe sich am liebsten in den gesellschaftlichen Grauzonen aufgehalten und habe es verstanden, in Mafia- und Schwulenkneipen, mit Prostituierten und Gaunern wie mit jedem anderen ins Gespräch zu kommen. Er sammelte unaufhörlich Geschichten, und in den Resten seines durch zig Umzüge dezimierten Nachlasses habe sie zahlreiche Notizzettel, beschriebene Servietten u.ä. gefunden.
Im Nachlass hat Cecilia keine Kriminalliteratur entdeckt, die ihm als Vorbild hätte dienen können. Scerbanenco sprach nur wenig Englisch, so dass sie annimmt, seine Krimi-Kenntnisse stammten eher aus (amerikanischen) Filmen als aus Büchern, zumal er privat hauptsächlich Philosophie las – oder nur diese Literatur aufbewahrte. Obwohl Giorgio Scerbanenco in den vierziger Jahren eine fünfbändige Whodunnit-Serie um den Bostoner Polizeiarchivar Arthur Jelling schrieb, und in den Jahren 1936/37 unter dem Pseudonym Denny Sher eine Reihe von Action-Stories, die sie als „hard-boiled“ bezeichnet, glaubt sie, dass er außer Simenon keine Krimiautoren kannte.
Giorgio Scerbanenco war ein „bulimischer Schreiber“, der, ähnlich wie Picasso ununterbrochen zeichnen musste, ununterbrochen schrieb.

 

 

 

Zwei „rosa Romane“ Scerbanencos, aus der Sammlung Cecilias

Deshalb war es nicht nur die Sorge um das liebe Geld, die der mehrfach Geflüchtete, erst 1935 eingebürgerte, mehrere Haushalte finanzierende Autor antrieb. Diese Sorge bestimmte aber so sehr seine journalistische und schriftstellerische Produktion, dass er es nur in zwei Perioden seines Lebens wagte, ganz frei nur das zu schreiben, wonach ihm der Sinn stand.
Das war zum einen die Zeit des Exils in der Schweiz zwischen 1943 und 1945. Dort entstand unter anderem der Roman L‘isola degli idealisti, der im Sommer 2018 erstmals veröffentlicht wurde und von Cecilia als milderer Vorläufer seiner schwarzen Romane um Duca Lamberti angesehen wird.
Diese entstanden dann nach einer Periode psychischer und physischer Erschöpfung in seinem Feriendomizil im Badeort Lignano Sabbadioro (oft in der Bar Gabbiano). Dorthin hatte er sich 1964 nach Aufgabe aller Leitungsfunktionen in den Frauenzeitschriften von Rizzoli zurückgezogen, und dort baut Cecilia in der örtlichen Bibliothek das Archiv mit den Hinterlassenschaften ihres Vaters auf.

Seinen Leserinnen, die „rosa“ Geschichten mit Happy End erwarteten, machte es der späte Scerbanenco nicht leicht. Zu schwarz waren die Romane der Tetralogie.
In Die Verratenen von 1966 attackiert er gleich zwei heilige Kühe der Nachkriegszeit. Die moralische Heuchelei konterkariert er in einer wilden Groteske: Lamberti rekonstruiert auf Bitten des Zuhälters das Jungfernhäutchen einer Prostituierten, weil er sie nur in intaktem Zustand zum Altar führen kann. Und dem Mythos von der edlen Resistenza stellt er die Geschichte eines Zuhälterpärchens gegenüber, das gegen Geld je nach Frontlage Widerstandskämpfer an die Deutschen, aber auch versprengte deutsche Soldaten an die Partisanen verriet. Im Mädchen aus Mailand hofft Duca Lamberti noch, die Welt sei nicht so infam, wie sie ihm oft erscheint. In den drei folgenden Bänden wird er eines Schlimmeren belehrt: In Der lombardische Kurier vergewaltigen die Schüler einer Förderklasse ihre allzu gutmütige Lehrerin – die erste Darstellung eines Schulmassakers in der Literatur. Und in Ein pflichtbewusster Mörder nimmt ein Vater, dessen wunderschöne geistig behinderte Tochter von Zuhältern ermordet wurde, eigenhändig Rache, weil der Staat versagt. Ein Jahr nach Erscheinen dieses Buches begann mit dem Bombenanschlag auf der Piazza Fontana in Mailand die bleierne Zeit und mit ihr ein neues Kapitel von Verbrechen und italienischer Kriminalliteratur. An deren Beginn aber steht Giorgio Scerbanenco mit Duca Lamberti und Livia Ussaro. Man kann ihn immer wieder lesen.

 

Die beiden anderen Duca-Lamberti-Romane sollen im Februar 2019 erscheinen.

 

 

 

 

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