„Blinde Kommissare“ – auf die Details kommt es an

Jenny Aaron ist nicht die erste, aber einzigartig

Andreas Pflüger hat mit ENDGÜLTIG einen perfekten Thriller geschrieben.
Meine Rezension dazu steht in der ZEIT vom 3.3.16.
Pflügers Heldin – und zwar in allen Bedeutungsfacetten – ist Jenny Aaron, ehemals Top-Agentin einer ultrageheimen „Abteilung“, erblindet, jetzt Ermittlerin im BKA. Jenny wechselt abrupt aus der Rolle der Beraterin und Analytikerin in die der Einzelkämpferin, als sie klarkriegt, dass der Fall, den sie untersucht, eine Falle ist, die ihr gestellt wurde – von ihrem Lebens-Widersacher.

In ihrer leicht irritierten, aber letztlich zustimmenden Rezension behauptet Sandra Kegel (FAZ vom 29.2.16), die Idee einer blinden Kommissarin sei völiig neu: „Selbst im Fernsehen, wo man auf kaum eine Profilvariante bei Kommissaren verzichtet, ist die Idee einer blinden Kommissarin bisher über den Versuch nie hinausgekommen.“
Abgesehen davon, dass der Titel „Kommissarin“ Jennys Aktivitäten ungefähr so scharf beschreibt wie James Bonds Dienstgrad „Commander“ seine Aktionen als 007, stimmt auch die Grundthese nicht.

Immer schon hat es Versuche gegeben, den Ermittler auf sein pures Hirn zurückzuführen, entweder durch freiwillige Askese oder durch Verletzung. In gewisser Weise war der erste typbestimmende Detektiv der Literaturgeschichte blind. Edgar Allan Poes Auguste Dupin war zwar nicht blind, hasste es aber, Tatorte anzusehen, weil die außerhalb seiner vier Wände lagen. Als Verstandeskünstler und Erfinder der ratiocination ließ er sich berichten, was andere in der crime scene gesehen hatten, um daraus – allein gestützt auf den Bericht – seine Folgerungen zu ziehen. Hercule Poirots „graue Zellen“ sind nach der Messlatte der sensorischen Depravation ein Rückschritt. Konsequent in Poes Spuren operiert Jeffery Deaver: Sein Lincoln Rhyme ist infolge einer Querschnittslähmung fast völlig unbeweglich, was natürlich tolle Effekte erlaubt. Als Deduktionswunder ist er schon nicht von Pappe, aber richtig irre sind seine mit Augenbewgungen und Mundsteuerung geführten Abwehrkämpfe gegen bestialische Mörder. In dieser Richtung ist Jenny Aaron eine Weiterentwicklung: Trotz Blindheit eine Präzisionsschützin, Karatekämpferin im 5. Dan (der 3. Dan reiche zur Olympiateilnahme, kolportiert der Autor) und mindestens so orientierungsfähig wie ihre Mitkämpfer aus der „Abteilung“.
Blinde Vorläufer, die nicht über Jennys über-Bond-mäßige Kampfkraft verfügten, sind unter anderen: Jonas Vogel, blinder Ex-Kommissar Friedrich Anis; der blinde Privatdetektiv Peter Lundt in der gleichnamigen Hörspielserie von 2004 bis 2011 und – klassisch – Ernest Bramahs blinder Privatdetektiv Max Carrados, der zwischen 1914 und 1934 die Printausgabe der Times mit den Fingerspitzen las.
Andreas Pflüger: Endgültig
Suhrkamp, 459 S., 19,95 €

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