Matthias Wittekindt – Schreiben und Architektur

Wie gehst Du mit Räumen und Landschaften in der Recherche um? Zeichnest/fotografierst Du sie, um sie beschreiben zu können?

Ich habe ein Faible für Architekturfotografie (heißt ich fotografiere selber), wobei mich Typologien interessieren. Z.B.: Die Villa, das Reihenhaus, die Wohnscheibe, der Parkplatz, die Straßenkreuzung, die Tankstelle, die Fußgängerbrücke, verschiedene Arten von Straßen etc. – Kirchen oder Rathäuser fotografieren ich nie.

Diese typologischen Profanbauten habe ich dann aber im Kopf, ich beschreibe lieber eine Tankstelle nicht ganz korrekt, als dass ich ein Foto abarbeiten würde. Beim Schreiben ist es ja ohnehin so, dass man die größte Wirksamkeit durchs Weglassen erreicht. Es bringt mehr, abgesehen von ein paar Linien und vielleicht einer Farbe, den Geruch, die Lichtverhältnisse, die Geräusche auf einer Tankstelle zu schildern, als die Anzahl und Farben der Zapfsäulen akkurat wiederzugeben. Jeder darf seine eigene Tankstelle sehen.

Womit beginnst Du? Mit Figuren, mit Räumen, mit Handlung? Welches Gewicht haben diese 3 Elemente für die Entwicklung des Plots?

Ich beginne mit der Topografie und dem Wetter. Bei den Schneeschwestern war es der Schnee, der alles zudeckt, bei den Marmormännern der Damm einer Autobahn, bei Licht im Zimmer das Gefühl von stetigem Wind der einem die Ohren zudrückt, bei der Rue Bisson das gut austarierte Licht in einem Sportstudio, im Kontrast zu dem Regen draußen.

Zuerst wird also ein Berg entstehen oder ein steiler Wall, am Fuß vielleicht eine Landstraße, davor eine Ebene auf der Viehzucht mit maximalem Durchsatz betrieben wird. Was fährt gerade auf Straße? Autos? Lastwagen? Fahrräder? Dann entsteht ein Ort, vielleicht eine Kleinstadt. Wenn die Straße mich reizt wird es ein Straßendorf sein, und so weiter.

Das alles lasse ich nach und nach entstehen, ohne etwas zu fixieren. Es muss nicht ins Detail gehen, aber ich muss in eine Stimmung kommen. Als nächstes erscheinen die Figuren (Ich muss mich dafür nur umblicken). Zum Beispiel ein Mann, der sein Auto wäscht, eine Gruppe Schüler an einer Bushaltestelle. Die Schüler sind vielleicht im Gespräch. Ist etwas Besonderes passiert? Oder langweilen sie sich? Beides kann interessant sein. Schräg gegenüber auf der anderen Seite der Straße wäscht noch immer der Mann sein Auto. Vielleicht werden die Schüler reden. Ich weiß noch nicht worüber. Das will ich auch gar nicht wissen. Im Gespräch wird sicher ein Satz fallen, der mich interessiert. Das alles ist in dieser Landschaft, die im Grunde einer Bühne gleicht, gedacht.

Wie geht es weiter. Einer der Schüler fährt mit dem Bus in den nächsten Ort. Ist er der einzige im Bus? Sieht er während der Fahrt etwas? Wird der Bus riskant von dem Auto überholt, das eben noch so liebevoll gewaschen wurde? Entsteht im Kopf des Schülers daraufhin eine Geschichte? Vermutet er etwas? Vermutet er falsch?

Nachdem ich 30 Seiten ins Leere hinein geschrieben habe, ist mir im großen und ganzen klar, um was für eine Gruppe von Menschen es geht. Jetzt sind sicher auch schon die ersten Ideen da, wo es hingehen könnte. Ich vermeide es diesen Ideen nachzugehen. Der Plot kommt also erst sehr spät, denn wenn alles gut läuft ziehen mich die Figuren langsam in diesen Plot hinein.

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