Es gab mal eine Zeit, in der – ganz jenseits der Strauß, Seehofer, Stoiber und Söder – den Bayern auf die Finger nicht nur geschaut, sondern erzieherisch sanft und nachdrücklich gehauen wurde.
Das waren die goldenen Jahre 1995 bis 2013, in denen Robert Hültner seine Romane über Inspektor Kajetan schrieb.
Initiation für diese vielfach ausgezeichnete Reihe waren die Erzählungen, die Hültner abends nach Theater- und Kinoaufführungen in seiner Heimat am Chiemsee aufschnappte. Damals war beinahe vergessen, dass nicht nur rabiate Städter, demobilisierte Soldaten und linke Intellektuelle revolutionär waren, sondern auch weite Teile der Landbevölkerung. Ohne ihre Unterstützung wäre aus der Münchner Räterepublik erst gar nichts geworden.

Mit den revolutionären Ereignissen 1919 setzt Hültners Serie ein.
Der erste Band Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski beginnt mit der Ermordung des ersten Ministerpräsidenten des neuen Freistaats Bayern Kurt Eisner, und es endet 1928, als die NSDAP auf dem Vormarsch war, aber noch nicht gewonnen hatte, mit Am Ende des Tages, dem sechsten Band. 20 Jahre Ermittlungen und vergeblicher Kampf um Gerechtigkeit, der zwangsläufig immer wieder in mörderische Auseinandersetzungen mit den Rechtsradikalen führen musste, haben Kajetan nicht zermürbt. Aber dem nachfolgenden Rest der Geschichte war die Figur des “sinnenfrohen Vernünftlers und warmherzigen Utilitaristen” Kajetan nicht gewachsen.
Ich habe an verschiedenen Stellen das Lob des dialektischen und dialektstarken Skeptizismus Robert Hültners gesungen. Seine Kajetan-Bände gehören zum Besten, was an historischer Akribie, erzählerischer Anschaulichkeit und literarischer Wahrhaftigkeit möglich ist, wenn man Geschichte als Kriminalgeschichte erzählen will.
Dem großen Schriftsteller deutscher Sprache Robert Hültner, der vor wenigen Tagen, am 4. Juni 2020 siebzig Jahre alt wurde, und noch mehr seinen Leserinnen und Lesern hat sein Verlag btb jetzt alle sechs Kajetan-Romane in der chronologischen Reihenfolge als Packel im Schuber spendiert. Herzlichen Glückwunsch!
Robert Hültner:
Inspektor Kajetan: Die gesamte Reihe in drei Bänden im Schuber
1760 Seiten 36 Euro
Hier weitere Beiträge über Robert Hültner:
Ende einer Hoffnung
Kajetan und die Betrüger
Gibt es gute Regiokrimis?




Fröhlich und breit malt er die Verwirrungen aus, die dadurch entstanden sind, dass die Leiche einer Thailänderin auf einer abgelegenen Insel im Mälarsee schon einmal, etliche Jahre zuvor in Thailand, verbrannt worden ist, nachdem sie im Tsunami zu Tode gekommen war, und selbst das ist zweifelhaft.
Aus Oxford verschwunden ist auch der iranische Physiker Rustum Marvar, ein Stipendiat wie Martínez, nachdem er gewissermaßen eine Wohnküchenlösung der Energieprobleme dieser Welt gefunden hat. Die hat er einem vertrauenswürdigen ebenfalls alleinerziehnden Vater eines ca. 13-jährigen Sohnes auf einen bierdeckelgroßen Zettel geschrieben, damit der entscheiden kann, wie und ob diese Entdeckung der Menschheit zugänglich gemacht werden kann, ohne sie den Geheimdiensten zu offenbaren, die dahinter her sind. Nicholas Shakespeare erzählt dies in dem Thriller Boomerang in einer Spannungskurve, die durchaus dem Flug eines Bumerangs ähnelt. Stellt sich nur die erzähltheoretische wie physikalische Frage: Ist der Bumerang bei seiner Rückkehr noch genau derselbe Bumerang, der er bei seinem Start war?
Die viktorianische Kultur, die in nackten Mädchen die Fleischwerdung der Unschuld sah? Wie kam es, dass bei Persson die Personifizierung von Ockhams Rasiermesser ausgerechnet eine wurstfressende und biertrinkende Polizistengestalt angenommen hat? Und wo ist eigentlich die Entdeckung des Physikers?