Jesper Stein: Bedrängnis

Miese Bullenspiele

Bedrängnis„Bedrängnis“. Das ist mehr als wörtlich zu nehmen. In seinem dritten Fall steckt Vizekriminalkommissar Axel Steen in der Scheiße, tiefer denn je. Mit Jesper Stein am Tatort Nørrebro.

Stein auf der Brücke

Jesper Stein auf der Dronning-Louises-Brücke, im Hintergrund Nørrebro (C)TGohlis

Jesper Stein gehört zu den Autoren, die ihrer Stadt eine Geschichte geben. Eine dunkle. Ian Rankin tut dies für Edinburgh, und Manuel Vazquez Montalbán hat es für Barcelona getan.
Auf dem Weg über Kongens Nytorv – den Blick auf den weiten Platz versperren meterhohe Bauplatzwände, Kopenhagen bekommt gerade U-Bahn – nach Nørrebro reden wir über Barcelona, die Stadt, deren rauer Duft nach Urin, Fisch, Blumen und Sex aufbewahrt ist in den Kriminalromanen Vazquez Montalbáns. Nørrebro steht das gleiche Schicksal bevor wie dem  barrio gótico. „Sagt ihr auch Gentrifizierung dazu?“, fragt Jesper, und wie immer sind die abstrakten Begriffe global verwendbar.

In der Mitte der Dronning-Louises-Brücke schieben wir unsere Räder von der breiten Bikelane auf den Bürgersteig, um uns umzuschauen. Im Süden begrenzen palastähnliche Häuser, deren Dachaufbauten an Paris erinnern, die reiche Innenstadt. Vom Norden her blicken Mietskasernen aus dem 19. Jahrhundert auf das Zentrum der Metropole. „Hinter den aufgemotzten Fassaden lagen früher kleine, enge Arbeiterwohnungen. Heute muss man Millionen hinblättern, wenn man hier wohnen will. Da oben auf dem Dach, du kannst noch das Gerüst erkennen, hing 2010, als ich meinen ersten Roman schrieb, eine Neonreklame für Irmahühnchen-Eier. Rote, weiße, grüne. Der Einschnitt darunter ist die Magistrale von Nørrebro.“

Vor ihm lag die Nørrebrogade wie eine Schlucht in der Häuserreihe, eine Öffnung in einem massiven Körper aus Stein und Stahl, Asphalt und Häusern, Hinterhöfen und Verstecken. Seine Stadt. Leben und Licht. Er trat in die Pedale und ließ sich in den funkelnden Korridor saugen, blendende Autoscheinwerfer, erleuchtete Busse, Blaulicht und Hunderte kleine Blinklichter von den Diodenleuchten der Fahrräder, umgeben von den grellen Schildern der 24-Stunden- Kioske, Bars und Kneipen. Benzingestank vermischte sich mit dem Duft nach Zimt, Kreuzkümmel, Fleisch und Frittierfett aus den zahlreichen Schawarmabuden. (Unruhe, 2012)

Damals, Unruhe spielt 2007, war die Nørrebrogade eine vierspurige Rennstrecke. Heute müssen sich die Autos mit zwei Spuren begnügen, die Fahrradwege haben sie zusammengedrängt. Wir biegen links ab, zwängen uns zwischen Straßencafés, Fahrradparkplätzen, auf denen die Räder nur darauf warten wie Dominosteine umzufallen, und orientalischen Gemüseläden durch. Die Straße weitet sich zu einem quadratischen, von hohen Bäumen beschatteten Platz, in dessen Mitte ein weites Feld als Sport- und Begegnungsraum abgesenkt ist.
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Gianrico Carofiglio: Trügerische Gewissheit

Carofiglio-Gianrico
Es ist eher eine Erzählung als ein Roman, aber das ändert nichts am Reiz dieses Nebenwerks von Gianrico Carofiglio. TRÜGERISCHE GEWISSHEIT oder Wandelbare Wahrheit (nach dem Originaltitel von 2014 Una mutevole verità) ist weniger eine – recht durchschaubare – Geschichte um die Ermordung eines alleinstehenden Fieslings als das Porträt eines dieser bedächtigen, lebensklugen Polizisten, die es nur noch wie Alfred Komareks Polt auf den Dörfern zu geben scheint. Oder eben im apulischen Bari, wo Carofiglio aufgewachsen ist und etiche Jahre als Staatsanwalt tätig war.

Aber eben im Jahre 1989, bevor das politische Nachkriegssystem Italiens in Berlusconis Rauch aufging. Da konnte Maresciallo Fenoglio noch in aller Ruhe aus menschlicher Klugheit darauf verzichten, den des Mordes angeklagten und beinahe überführten jungen Fornelli durch ein scharfes Verhör seiner Verlobten unter Druck zu setzen. Fenoglio sammelt Sherlock-Holmes-Zitate und überlässt sich seinen Ahnungen. Den Duft eines Parfüms – Poison –  nimmt er trotz des Blutgestanks am Tatort wahr und folgt ihm bis zur traurigen Enthüllung der Mordhintergründe.

TRÜGERISCHE GEWISSHEIT ist eine kleine nostalgische Erholung vom rasenden Leerlauf der Serienkiller, ein Kabinettstückchen, dessen Verfasser kunstvoll mit den Zwischentönen spielt, die Leonardo Sciascia so meisterhaft beherrschte. Und lässt schon mal einen Blick aus der Vergangenheit in die Zukunft zu: Ein junger Rechtsanwalt namens Guerrieri hat hier seinen ersten Auftritt.


Gianrico Carofiglio: Trügerische Gewissheit
Aus dem Italienischen von Monika Lustig
Folio, 140 S., 14,90€

Chloe Hooper: Der große Mann

Eine erschütternde Reportage über den Tod eines Aborigine in Polizeigewahrsam – und wie es dazu gekommen ist

Chloe Hooper (c) Liebeskind

Geographisch gewagt lokalisierte Elmar Krekeler in seiner Rezension von Garry Dishers gleichnamigem Roman die eher im Süden gelegene BITTER WASH ROAD (Platz 1 der KrimiZEIT-Bestenliste März und April) in Australiens „Mittlerem Norden“.
Ethnographisch wie geographisch einwandfrei australischer Norden sind die Schauplätze von Chloe Hoopers erschütternder Reportage DER GROSSE MANN.
In den Jahren 2004 bis 2007 wurde der Staat Queensland von politischen Auseinandersetzungen aufgewühlt, in denen Grundfragen des australischen Selbst- und Geschichtsverständnisses aufbrachen. Der Tod des 36jährigen Aborigines Cameron Domadgee auf der Polizeiwache von Palm Island 2004 führte zu dem ersten Prozess, der je gegen einen verantwortlichen Polizisten wegen Tod in Polizeigewahrsam geführt wurde.

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Misha Glenny: Der König der Favelas

Als sich Rio de Janeiro als Austragungsstätte für die Fußballweltmeisterschaft bewarb und für die Olympischen Spiele 2016 kandidierte, hatte die Stadt am Zuckerhut ein Problem. Sie galt als unsicher. Mindestens ein Viertel der rund 7 Millionen Einwohner lebte und lebt in Favelas. Und die Favelas wurden von Drogenbanden kontrolliert, auf die die Polizei keinen Zugriff hatte.

Rechtzeitig vor Eröffnung der Olympischen Spiele ist jetzt ein Buch über die Machstrukturen in diesen Inseln der Armut und der Gewalt erschienen. Verfasst hat es Misha Glenny, ein versierter Kenner der internationalen Organisierten Kriminalität. Sein Buch McMafia. Die grenzenlose Welt des Organisierten Verbrechens von 2008 ist ein unverzichtbarer Überblick zum Thema. Das aktuelle mit dem Titel Der König der Favelas ist als Porträt eines Mannes angelegt, der länger als jeder andere brasilianische Drogenboss der Don der berühmten Favela Rocinha war.

Der gute Herrscher

Sein Spitzname ist Nem und wie bei einem Feudalherrn lautet dieser vollständig Nem da Rocinha. Mit dem Unterschied nur, dass Antônio Francisco Bonfim Lopes – so sein bürgerlicher Name – zwar 1978 in Rocinha geboren wurde, aber immer nur ein König auf Zeit war. Ein guter König, daran lässt Glenny kaum Zweifel.

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KrimiZeit-Bestenliste August -DIE NEUEN

Bereits zum dritten Mal auf Platz 1:

Havarie von Merle Kröger

Auf  Platz 2: Cutter und Bone von Newton Thornburg (original 1976: Cutter and Bone)

Newton Thornburg (1929 – 2011) war in den USA ein bekannter Autor, auch in deutscher Übersetzung sind zwei Romane von ihm in den achtziger Jahren erschienen, darunter auch Cutter and Bone als „Geh zur Hölle, Welt!“ Allerdings gab diese durchaus elegant gekürzte und handlungsorientierte Übersetzung von Isabella Drott nicht alle Zwischentöne wieder, die jetzt in Susanna Mendes erstmals vollständiger deutscher Version im Polar-Verlag enthalten sind.
Vietnamveteran Cutter und Ex-Marketing-Manager Bone gehören zu den Opfern des American way of life. Als Bone im sonnigen Santa Barbara, wo die beiden zusammen mit Cutters Freundin und Baby in einer Armuts-Symbiose leben, vermutlich Zeuge eines Mordes wird, ergreift Cutter die Gelegenheit, die reichen Kriegsgewinnler abzuzocken. Zwischen den beiden gegensätzlichen Kumpels und etlichen weiteren Beteiligten entsteht ein Kampf nicht um die moralisch beste, sondern um die opportunistischste Lösung ihrer Bedürfnisse – mit bitterem Ende.

„Bücher wie Cutter und Bone werden von Kritikern schnell als Loser-Balladen gelabelt. Doch dafür sind die Töne, die Thornburg anschlägt, zu schräg und schrill. Nicht melancholischer Abgesang ist dieser Roman, sondern ätzendes Wüten, nicht Protest, sondern Anklage. Thornburg zeigt die letzten Zuckungen seiner verlorenen Helden, ihr finales Aufbäumen. Am Ende bleiben nur Einsamkeit und Wahnsinn und Tod. Und das sardonische Lachen von Alex Cutter auf seinem Weg in die Hölle.“ (Marcus Müntefering, SPIEGEL online)
Cutter und Bone von Newton Thornburg ist einer der großen unbekannten amerikanischen Romane der Siebziger.“ (Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung)

 

Auf Platz 3: Der namenlose Tag von Friedrich Ani

Mit dem Wechsel Suhrkamp hat Friedrich Ani (*1959, mehrfacher Deutscher Krimipreis) nach Tabor Süden und Polonius Fischer einen neuen Ermittler erfunden. Jakob Franck ist pensionierter Kommissar, ehemals Mordkommission. In den letzten Dienstjahren ergab es sich, dass immer er ausgewählt wurde, um den Angehörigen die Todesnachrichten zu überbringen. Jetzt sitzen die Toten bei ihm am Tisch.


Als Franck vom überlebenden Vater einer Familie, in der sich Mutter und Tochter umgebracht haben, gebeten wird, nachträglich einen Schudigen zu finden, erschließt er die Geschichte eines ungeheuren Verschweigens in dieser Familie. Schweigen als Verbrechen, Verbrechen als verhinderte Kommunikation darzustellen, war schon immer ein Thema Friedrich Anis. Doch mit Der namenlose Tag erreicht Ani eine neue Intensität.

Auf Platz 9: Zurück auf Start von Petros Markaris
(original 2012: Τίτλοι τέλους. Ο επίλογος, sinngemäß: Abspann)

Drei Romane wollte Petros Markaris (*1937 in Istanbul) über die nicht nur ökonomische Krise in Griechenland schreiben, die Verhältnisse haben ihn gezwungen, nach einem 2015 immer noch aktuellen Buch mit Artikeln zur Krise (Finstere Zeiten, 2012) einen weiteren Kriminalroman zu schreiben, in dem anonyme Rächer mit sprechenden Namen das tun, was Politik und Staat versäumt haben: Aufräumen. In Zurück auf Start trifft es zunächst einen deutsch-griechischen Windenergie-Unternehmer, dann einen erkennbar korrupten Nachhilfe-Unternehmer, der von den eklatanten Schwächen des Schulsystems profitiert. Und Katharina, Kommissar Charitos‘ Tochter, die von den Faschisten der Goldenen Morgenröte zusammengeschlagen wird. Die Bürgerkriegsgefahr, vor der Markaris seit Jahren warnt, scheint näher gerückt.
Allerbeste Aufklärung.

Auf Platz 10: Die Möglichkeit eines Verbrechens von Dror Mishani (original 2013: Efsharut shel alimut, wörtlich: Die Möglichkeit von Gewalt)

In seinem zweiten Kriminalroman mit Avi Avraham verfolgt der israelische Autor und Lektor im Verlag Keter Dror Mishani (*1975) die in Vermisst von 2013 eingeschlagene Linie schnörkelloser weiter: Avraham steht in der Tradition der Detektive, die Verbrechen ahnen oder erkennen, wo schlichtere Gemüter schlicht nichts sehen. Noch unter dem Eindruck des letzten Falles, indem es ihm weder gelang, das Leben noch den Leichnam eines Jungen zu retten, traut er dem Braten einer Bombenattrappe vor einem Kindergarten erst recht nicht. Avraham ermittelt auf eigene Faust gegen einen unscheinbaren älteren Vater zweier kleiner Jungen und entdeckt dabei Abgründe, die Ähnlichkeiten mit denen der Ermittler Friedrich Anis haben. Auch Mishani ist ein Autor, der mit seinen Kriminalromanen unter der Maske der Rationalität Schmerz und Einsamkeit aufdeckt.

Mishani ist in seinem zweiten Roman bei sich selbst: keine metaliterarischen Mätzchen mehr. Stattdessen genaue Seelenarbeit: Leise, feine Spurensicherungen an inneren Abgründen. In denen jeder stecken kann ohne es zu wissen.“ (Tobias Gohlis)

Abzurufen ist die ganze KrimiZEIT-Bestenliste August hier

Antonin Varenne: Die sieben Leben des Arthur Bowman

Großartiger Sommerschmöker

Vielleicht gibt es in jeder Dekade den einen Abenteuerroman. Mitte der Siebziger Jahre war es für mich Shogun von James Clavell. Über andere müsste man weiter nachdenken.
Aktuell ein herrliches Exemplar: Die sieben Leben des Arthur Bowman von Antonin Varenne
Varenne geht von der einfachen Tatsache aus, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die Globalisierung so weit fortgeschritten war, dass ein einfacher Mann in der Spanne seines Lebens auf (fast) allen Kontinenten leben und arbeiten konnte – als Soldat.
Nach ersten Aufenthalten in Afrika, noch als Schiffsjunge, wird Arthur Bowman in Diensten der britischen Ostindischen Kompanie als „härtester Sergeant Indiens“ in den frischen Kolonialkrieg gegen Burma geschickt. Für eine geheime Mission soll er zehn Männer auswählen. Kurz nach einem Massaker am Ufer des Irrawaddy scheitert das Unternehmen, die Zehn werden von Einheimischen gefangen genommen. Sieben Jahre später tut ein traumatisierter, seine Albträume mit Opium und Schnaps dämpfender Bowman in London Polizeidienst. Während einer Hitzeperiode, in der die Stadt sich in eine Kloake verwandelt, entdeckt Bowman eine Leiche. Sie ist verstümmelt mit dem gleichen Narbenmuster, das er und seine zehn Soldaten auf dem Körper tragen – Folgen der Foltern in Burma.

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Martin Burckhardt: Score

Digital vermittelte Sozialkontakte als Weltwährung

Als Anne Sophie von Markus Lanz gefragt wurde, wie sie die Null-Punkte-Klatsche beim ESC verschmerzt, antwortete sie nicht ohne Ironie: „Einen Tag später hatte ich 25.000 neue Follower.“
Was wäre, wenn diese Follower der Sängerin auf ein Konto gutgeschriben würden, mit dem sie ihre Miete, Make-up und Brötchen bezahlen könnte? Schon werten sich Loser durch Likes auf, Stars vermehren ihren kommerziellen Wert in den social media.

Martin Burckhardt denkt in seinem dystopischen Thriller SCORE eine Zeitschraube weiter. 2023 sind nach einer Reihe von Weltfinanzcrashs, nach Bürgerkriegen und Flüchtlingsströmen die Likes und Dislikes im reichen Teil der Welt verbindliche Währung. Ein freundliches Lächeln, und du bist im Plus, einmal Hamburger gegessen: dickes Minus. ECO (für Enriched Cybernetic Organism) nennt sich dieser aus Euro-Europa, Japan und noch ein paar anderen Reichen bestehende beste aller Staaten. In dieser Sphäre herrscht eitel Freude und Sonnenschein. Die Personalcomputer sind so klein, dass sie auf der Haut oder ale Brille getragen werden, Mensch und digitaler Avatar sind beinahe eins. Da die Wissenschaft nur noch der Welt- und Menschenverbesserung dient,  sind Energie- und Ernährungsprobleme durch neue Technologie gelöst. Niemand muss mehr arbeiten, aber wer will, darf  …spielen, Rettungssanitäter zum Beispiel. Und dafür seinen Score verbessern.

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Alfred Bodenheimer: Kains Opfer

Der israelische Lektor und Autor Dror Mishani behauptet, es könne keine israelischen Kriminalromane geben. Das ist – Batya Gur, Shulamit Lapid, er selbst und etliche andere Autoren belegen das Gegenteil – blühender Unsinn. Trotzdem fiel mir seine Begründung wieder ein, als ich jetzt einen anderen, nicht israelischen, aber im jüdischen Milieu spielenden Roman las.
Alfred Bodenheimer, Ordinarius für Jüdische Studien an der Universität Basel, wollte einmal ein Buch schreiben, das von vielen Menschen gelesen wird, nicht nur von wenigen spezialisierten Wissenschaftlern. Da lag der Krimi auf der Hand.
In seinem Debüt Kains Opfer versetzt Bodenheimer seine Leser nach Zürich, wo Rabbi Gabriel Klein seit einigen Jahren und noch immer erstaunlich offen tastend die Einheitsgemeinde leitet, in unaufgeregter Konkurrenz zu den orthodoxeren Kollegen der anderen Gemeinden.

Wie immer im Krimi stört ein Tod die Routine.
Mitten in Kleins behagliches Grübeln über die anstehende Schabbath-Predigt dringt die Nachricht, der allseits beliebte, fromme Lehrer Nachum Berger sei tot aufgefunden worden. Der Rabbi denkt übereifrig: „ermordet“. Nein, dimmt ihn die sehr solide Kommissarin Bänziger runter, eventuell war es auch nur ein Herzinfarkt, allerdings in Folge von Prügeln. Da die offizielle Übersetzerin der Polizei krank ist, springt der Rabbi hilfsbereit ein, um die auf Hebräisch verfassten Mails des Opfers zu übersetzen. Und wird unfreiwillig zum Komplizen der staatlichen Ermittlungen: Dass der einsam lebende Vorbildpädagoge Berger ein Verhältnis mit einer verheirateten und zudem in der Gemeinde angesehenen Frau hatte und der eifersüchtige Gatte damit ein Motiv, teilt Klein, Diener zweier Herren, der Kommissarin und so der schweizerischen Staatsmacht  mit. Dufte er das?
Fast alle anschließenden Handlungen des Rabbiners sind von dem Wunsch diktiert, diesen Geheimnisverrat ungeschehen zu machen. Und so folgen wir seinen mehr oder minder erfolgreichen Bemühungen, durch eigene Detektivarbeit  Frieden in der Gemeinde und in einer Familie zu stiften, die von den harschen jüdischen Scheidungsgesetzen zerstört worden ist.
Das liest sich alles ganz anschaulich, ist angenehm dargestellt und für den Außenstehenden ein wenig exotisch. Bodenheimer erklärt die dem nicht-jüdischen Leser unvertrauten Vorschriften und Rituale nur knapp, ein Glossar unterstützt das Sachverständnis. Doch dieser detailierte Einblick in die merkwürdigen Gesetzlichkeiten jüdischen Lebens erfreut, wie ich bei der deutschen Buchpremiere in Hamburg im Jüdischen Salon mitbekam,  eher doch nur diejenigen, die sich sowieso für jede Erwähnung jüdischen Brauchtums und jüdischer Kultur begeistern.

Rabbi Kleins verzweifeltes und peinlich übergriffiges Bemühen, selbst den Fall zu lösen, um Schlimmeres von den Betroffenen und der Gemeinde abzuwenden, scheitert fürchterlich. Das ist die gute und bestürzende Seite des Romans, die gewiss in der Rabbinerausbildung ihren Platz unter dem Stichwort Vermeidung von Selbstüberschätzung finden wird. Ich habe vieles mit gespanntem Interesse verfolgt, zumal der Autor ein Händchen für die ironisch gefärbte Schilderung von Genreszenen hat. Aber für einen guten Kriminalroman reicht das nicht. Wie viele Amateure unterliegt auch Professor Bodenheimer der irrigen Vorstellung, es reiche erst einmal aus, einen verstörenden Leichenfund in Szene zu setzen, um den Krimi ins Laufen zu bringen.
Nix da. Der Tod ist kein Skandalon mehr. Erst die Literatur muss ihn wieder dazu machen, sonst: Langeweile. Was dem Rabbiner abgeht, sind Zorn, Wut, Empörung, Auflehnung. Der Tod gehört zu seinem Rabbinergeschäft, und wenn daran etwas Irreguläres gewesen sein sollte, dann kümmert er sich auch darum. Der Rabbiner will es allen recht machen, dem Staat, der Gemeinde, der zerstrittenen und gekränkten Familie des Verstorbenen und auch seiner robusten und für etliche komische Szenen gute Frau Rivka. Das ist verständlich. Aber die Sorgen eines Gemeindepfarrers bleiben die Sorgen eines Gemeindepfarrers. Rabbi Klein hat Theologensorgen, Beamtensorgen, Politikersorgen. Die machen aus ihm noch keinen Detektiv, sondern eher einen Detektivdarsteller. Wirklich folgen können ihm nur die Leser, die von Herzen seine Sorgen um den Frieden in der Gemeinde teilen. Leider gelingt es Bodenheimer  nicht, aus dem Konflikt des Rabbis mit den diversen Gesetzlichkeiten tatsächlich Spannung zu schlagen.
Bodenheimer beschränkt sich und uns auf die doch beschränkte Rabbiner-Perspektive. Leider bleibt daher Nachum Bergers Tod ein Tod unter vielen und sein Fall – trotz einer exotischen Business-Class-Reise nach Jerusalem – ein Alltagstod. Im Februar 2015 soll ein zweiter Fall mit Rabbi Gabriel Klein erscheinen. Mal sehen, ob das ein richtiger Kriminalroman wird.

Alfred Bodenheimer: Kains Opfer
Nagel & Kimche, 224 S.,
18,90 €

 

Declan Burke: ABSOLUTE ZERO COOL

Die wenigen, die hier noch ab und zu mal vorbeischauen, fragen sich: Warum passiert hier nichts?
Na ja, bei andern passiert auch nicht viel, wäre eine Antwort. Beim Wolf Haas und seinem Simon Brenner zum Beispiel, wie man in der ZEIT nachlesen kann. (S. 50, Nr. 37 vom 4.September 2014 über Brennerova). Und bei mir.
Ich sage nur: Knie. Das sagt man in der Reha, wenn man einen Mitpatienten trifft, der mit zwei Krücken herumstolpert. Die erste Frage beim Kennenlernen lautetet dort nämlich: Hüfte oder Knie?
Korrekt heißen sie Unterarmgehhilfen. Was die Sache zivilisiert. Die Hurtigen ganz ohne Krücken haben Rücken. Ich war da eine Weile, und davor in einem Krankenhaus, wo ich unterschreiben musste, dass ich der Übermittlung meiner Daten in die Vereinigten Staaten von Amerika zustimme. Ohne diese Zustimmung hätte ich keine persönlich nur auf meine Arthrose passende Knieprothese eingebaut bekommen. (Ich kann das jetzt hier ganz ungeschützt und frei heraus bloggen, die in USA und die Krankenkasse wissen ja eh Bescheid.) Danach war ich ein bisschen meschugge. Gegen – oder sagt man besser „für“? – die Schmerzen bekam ich ordentliche Mengen Morphium, allerdings nur in der Retard-Version. Junkies lieben den unmittelbaren Flash, den kriegte ich leider nicht. Aber auch die Retard-Version, die den Flash auf 12 Stunden verteilt, wird nur nach den Regeln des BTMG verabreicht. Und das reicht allemal für das Einstellen der Hobbies, z.B. Bloggen.

Wiederbelebt haben mich die ersten 50 Seiten eines Kriminalromans, in dem es vermutlich – hoffentlich – um die Sprengung eines Krankenhauses gehen wird.
Mehr als diese 50 Seiten habe ich noch nicht gelesen, aber ich bin mir sicher, es handelt sich bei ABSOLUTE ZERO COOL von Declan Burke um den Hit des Jahres.
Stellt Euch vor: Am Tag zuvor habe ich die ersten 50 Seiten eines anderen Kriminalromans gelesen. Gelber Stift für „Autor hat keine Haltung“, grüner Marker für „Atmo?“, „Ü“ mit Bleistft für „Übersetzer ahnungslos/kann kein Deutsch“. Usw. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie mir zumute war? Dazu leichte Schmerzen. (Beliebte Arztfrage: „Denken Sie sich eine Skala von 1 bis 10, und geben Sie an, wie stark Ihr Schmerz ist. Bei 10 möchten Sie aus dem Fenster springen.“ „6.Uhh!!“)
Kritiker haben immer eine Scheißlaune, professionell. Und jetzt lese ich ein Buch, das von Italo Calvino auf Speed verfasst ist, mit so vielen Spiegelungsmätzchen, dass nur noch der Sekretär des blinden Borges den Durchblick behalten könnte, also eigentlich voll abgefahrener Literaten-Literatur-Quatsch, der es bestenfalls dank Sondervotum auf Platz 9 der SWR-Bestenliste schafft – und meine Stimmung bessert sich von Seite zu Seite! Kaum zu glauben! Um mich herum vertrocknende Textmarker, bröselnde Bleistifte, Schmerzverlust  im Knie, wachsende innere Heiterkeit, Ende der Blogger-Pause. Das nenne ich einen gelungenen Recoil!

THANKS MR. BURKE! DANKE NAUTILUS! DANKE ROBERT!

Declan Burke: Absolute Zero Cool
Aus dem Englischen von Robert Brack
Edition Nautilus, 316 S., 18,00 €