Schlagwort-Archive: Deutscher Krimi

Seminar „Kriminalromane“

Wer hätte das gedacht?
Mitten in die Überlegungen zu KRIMIS MACHEN 2 kommt aus München die Anfrage, ob ich jemanden kenne, der.. usw.
„Warum nicht ich?“
Jetzt steht es fest und kann gebucht werden: Gemeinsam mit Zoe Beck werde ich ein dreiteiliges Seminar für angehende Kriminalschriftsteller leiten, das die Bayerische Akademie des Schreibens für 2014/15 plant.
Angehende Kriminalschriftseller? Na, solche, die was oder sogar uns angehen.

Bewerbungen bis 12.9.14!

 

 

 

Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht

Es sieht so aus, als hätte der deutschsprachige Kriminalroman in diesem Frühjahr einen guten Lauf.
Mit Oliver Bottini etwa: In seinem siebten Roman begibt er sich noch weiter als bisher auf das Terrain des internationalen Politthrillers. Ein paar Tage Licht erreicht in seiner Vielschichtigkeit und Verzwicktheit der Intrige die Komplexität vergleichbarer Romane aus jüngster Zeit, etwa von Robert Wilson oder Michael Robotham.
In Algerien suchen und verfolgen einerseits Militär und Geheimdienst, andererseits der ins Ausland abgeordnete BKA-Beamte Ralf Eley die Spuren des entführten deutschen Rüstungsingenieurs Peter Richter und seiner Entführer. Diese geben sich als Islamisten aus, gehören jedoch einer geheimen, eher an westlich-demokratischen Werten orientierten Widerstandsbewegung an.
Parallel zu diesem, durch internationale Liebes- und Loyalitätsverwicklungen weiter aufgeladenen Handlungsstrang zerren in Deutschland entgegengesetzte politische und wirtschaftliche Kräfte an neuen Rüstungsdeals mit dem arabischen Land, das als Bollwerk gegen islamistische „Fehl“-Entwicklungen der Arabellion strategische Bedeutung hat. Bottini gelingt es, komplizierte politische, kulturelle und kriminelle Aktivitäten spannend und intellektuell anregend zu erzählen. Kein Wunder, dass er sofort von Null auf Platz 2 der KrimiZEIT-Bestenliste im April gerutscht ist.

Oliver Bottini: Ein paar Tage Licht
Dumont, 512 S., 19,99 €

Hannes Sprado: Kalt kommt der Tod

Habe ich 6 Stunden vertan oder verbracht?
Hannes Sprado hatte mich schon mal ziemlich geärgert. In seinem Krimidebüt Risse im Ruhm (2005) hatte der Herausgeber und Chefredakteur der PM-Zeitschriften mächtig genervt. Er strotzte vor Eitelkeit und Selbstüberhebung. Ein Hamburger Magazinjournalist rettet die Welt – das hatten schon bessere vergeblich versucht.
Ein paar Thriller später ist von dem Omnipotenz-Geblubber des Debüts kaum noch etwas übrig geblieben, nur noch ein Hauch von Allwissenheit zu Themen wie Waffentechnik, Oligarchenparfüme und U-Boote bringt den Lesefluss zum Stocken. Angenehm nüchtern reduziert Sprado in Kalt kommt der Tod alles, was Bedeutung annehmen könnte, aufs winzigste. Er hat einen schlichten, unprätentiösen Thriller geschrieben, den man gerne runterliest, wenn man nicht besseres zu tun hat. Das ist nicht wenig: Andreas Winkelmanns Deathbook habe ich schon nach wenigen Seiten weggelegt: Aufgeblasene Sprache, falsche Bilder, ein Ich-Erzähler, der sich als „zornigen Autor abgründiger Psychothriller“ gänzlich ironiefrei präsentiert – von derartigen selbstbezüglichen Eitelkeiten ist Sprado runter.
Nein, das Teil ist kühl wie Spitzbergen. Dorthin verschlägt es den Vietnamesen Phong Packer, der als Boat-People nach Bremen gelangt ist, dort von einer Reedersfamilie adoptiert wurde, zur Kripo ging, wegging, bevor er gefeuert wurde und sich jetzt als Privatdetektiv  durchschlägt. Nicht sehr realistisch, aber denkbar. In Spitzbergen soll er seine verschollene Adoptivschwester finden, wird schnell in handfeste Keilereien und üble Schießereien verwickelt, das alles bei heftigen Minusgraden. Keineswegs von Nachteil: Sprado scheint vor Ort gewesen zu sein. Mit Hilfe einiger anständiger Kerle und furchtloser Weiber überwindet Phong einen internationalen Konflikt, einen russischen Oligarchen und eine Putinsche Geheimdiensteinheit, der er auf dem Privatflughafen von DEADS den Garaus macht, wieder in heimischen Hamburger Gewässern.
Verbracht, nicht vertan – immerhin.

Hannes Sprado: Kalt kommt der Tod
Edition Temmen, 416 S., 14,90€

Zoe Beck: Brixton Hill

Der Kriminalroman lebt davon, dass in der Realität eine Anomalie auftritt: Das Rätsel. So der französische Soziologe Luc Boltanski in seinem lesenswerten Buch Rätsel und Komplotte: Kriminalliteratur, Paranoia, moderne Gesellschaft.
Wie aber würde eine Anomalie aussehen in einer Realität, die wesentlich virtuell ist? Konkret: Was würde jemandem als Rätsel oder als Verstörung vorkommen, der hauptsächlich per Social Media kommuniziert und quasi in ihnen lebt?
Zoe Beck hat in Brixton Hill die denkbar brutalste Anomalie gefunden. Die Realität bricht herein. In diesem Fall: Eine Kollegin, mit der die Eventmanagerin Em gerade verhandelt, stürzt aus dem Fenster. Jemand hat die Klimatechnik eines Büroturms an der Themse manipuliert, Rauch quillt aus der Klimaanlage, die Fluchttüren sind versperrt, Kollegin Kimmy gerät in Panik und steigt aus dem Fenster. Ausgelöst wurde die Anomalie durch eine SMS.
Em ist ein early adopter , immer vonr dran mit den neuesten Accounts und Phones. Sie hat kein Büro, sondern ein Smartphone. Auch sozial ist sie ungebunden: Männer trifft sie an den freien Tagen, wenn kein Projekt anliegt. Keine weitere Verpflichtung.
Das Spannende an Becks Krimi sind die Prüfungen, die Em ertragen muss, ein weiblicher  Hiob der Facebook-Ära. Sie sieht ihren Zwillingsbruder sterben. Sie sieht sich als Opfer eines Stalkers, sie wird als Mörderin beschuldigt etc. Geprüft wird sie, vor allem aber ihre Wahrnehmung der Realität, ihr ganzes Koordinatensystem. Die vertrauten Kommunikationsplattformen Twitter, Facebook und Mail sind unterwandert, sie kann den gewohnten Kommunikationsmitteln und -wegen nicht mehr trauen – und Menschen, denen sie vertrauen könnte, kennt sie nicht. Oder die, die sie kennt, trauen ihr nicht.
Zoe Beck arrangiert Ems Suche nach denen und dem, was dahinter steckt, als langsamen Sturz die Treppe hinab. Von den Höhen virtueller Allmacht in die harte Realität. Dazu gehört auch die Erfahrung, dass die Leichtigkeit und Vielfältigkeit der modernen Kommunikation die Illusion schürt, die Welt selbst sei leicht zu händeln. Dass dies keineswegs so ist, entdeckt Em, als sie in der eigenen Familie – wo sonst? – auf eine wahre Lady Macbeth stößt.
Wo sonst als in der Familie? Interessant, dass die Täter auch in der Fiktion dort herkommen, wo sie in der völlig anderen Realität der Kriminalstatistiken meist sind.
Beck ist nicht die erste Autorin, die Crime im Cyberspace spielen lässt. Doch bei ihr ist die virtuelle Realität nicht der Quell des Unheimlichen, in dem sich Wahnsinnige mit wahnsinnigen Ideen herumtreiben. Die Cyberwelt ist gewohntes, friedliches Umfeld, Zuhause.  Der Wahnsinn tobt dort, wo die Menschen sind: im Off.

Zoe Beck: Brixton Hill
Heyne, 384 S., 8,99 €

Jörg Maurer: Unterholz und Elise

Jörg Maurer, geboren und wohnhaft im „Kurort“ am Wettersteingebirge, war in Hamburg und gab zum Abschluss des diesjährigen Hamburger Krimifestivals ein musikkabarettistisches Krimisolo.
Vorab hatte der „Kultkabarettist“ dem heimischen Abendblatt ausgetüftelte Antworten auf die Fragen gegeben, die man Krimiautoren so stellt. Manch ein Besucher, das ergab eine Blitzumfrage in der Reihe hinter mir, kam mit Dialogen wie diesem nicht völlig klar: „Und wie ist dann die Figur Ihres Kommissars Jennerwein entstanden?“ „Maurer: Ich habe mit den Ohren angefangen.“ Aber trotz Unverständnis waren die weltoffenen Hamburger gekommen, Kampnagels K 6 war mit ca. 700 Besuchern voll.
Verwundertes Schweigen sank nach dem ersten „erfreulichen Geräusch“ (= Applaus) herab, als der Autor vorführte, dass man den Anfang seines Romans Unterholz als Thriller ebenso wie als Gutenachtgeschichte vortragen kann. Kommt auf Stimme und Intonation an. Blut ist auch nur ein grauslicher Saft. Als Maurer –  beim ersten Solauftritt am Gasteig vor 40 oder 30 Jahren ins Stocken gekommener und deshalb zum Kabarettisten abgestiegener Konzertpianist – Beethovens Kinderquälerei „Für Elise“ mit Pink-Panther-Melodiefetzen und Tatort-Erkennungsmelodie aufrockte, da kamen den Hanseaten doch ein paar Bedenken. Sollte das Krimi sein? Oder heiteres Melodienraten?
Es war ’ne Wucht. Fand ich.
Musik sind auch seine Romane, die zu Verkaufszwecken Alpenkrimis genannt werden. Sie unterhalten nach dem Zwiebelprinzip in zahllosen Schalen: die Schuhplattler können mitplatteln, die Touristen die Authentizität anbeten, die Krimikritiker kichern, die Asiaten Haikus entdecken und die organisierten Verbrecher sich weiterbilden. Prädikat: absolut unschädlich für Doofe. Mit breitem Dialekt-Angebot.


Jörg Maurer: Unterholz
Scherz, 432 S., 9,99-14,99€

Wolfram Fleischhauer: Schweigend steht der Wald.

Das ist ein sehr deutsches Buch. Das bedeutet: Es ist ernsthaft, es ist politisch korrekt, und es ist brav. Man kann es als Schulbuch empfehlen.
Der Wald steht im Zentrum. Der deutsche Wald. Nicht nur im Titel, der an der Deutschen Lieblingslied erinnert. Einmal heißt es: „Manche Völker schauen aufs Meer. (..) Aber wir schauen in den Wald. So sind wir eben. Da kommen wir her und da gehen wir immer wieder hin.“ Bei Faunried steht er, ein „Märchenwald“. Und wie bei den Brüdern Grimm verbirgt er Grausiges. Man muss es nur richtig lesen. Das tut Anja. Sie ist Forststudentin und macht dort ein Praktikum. Ihr Nachname ist Grimm.
Im Dorf gibt es eine verschworene Gemeinschaft alter Männer. Sie beobachten, mit der Hilfe eines Kripobeamten, der auch ein Sohn eines der alten Männer ist, das Treiben der Praktikantin. Sie „liest den Wald wie keiner von uns.“ Das ist bedrohlich. Denn die alten Männer haben im Wald etwas versteckt.
Wir ahnen es bald. Denn Anja hat in diesem Dorf ihren Vater verloren, als sie acht Jahre alt war. Er kam vom Botanisieren nicht mehr zurück. Und nachdem Fleischhauer den topographischen Horizont etwas erweitert und offenbart hat, dass der Wald in der Nähe vom ehemaligen KZ Flossenbürg liegt, ahnen wir, worum es geht: Um NS-Verbrechen und ihr Verschweigen.
Es gibt beeindruckende Szenen in Schweigend steht der Wald. Die stärkste führt ins Dilemma. Ein junger Historiker – einsam auf weiter Flur  – lässt Anja ihre Schuhe ausziehen und barfuß einige Meter über die scharfen Granitsteine den Weg gehen, den die KZ-Häftlinge täglich mit schweren Lasten nehmen mussten. Während der Historiker die begangenen Grausamkeiten des KZ-Alltags aufzählt, schweigt Anja: „Das weiß ich doch alles, dachte sie. Gar nichts weißt du, schrien indessen ihre Füße.“
Leider hat Fleischhauer das Buch mit dem Kopf und nicht mit den Füßen geschrieben. Vielleicht ist der Stoff zu groß. Aber das Ergebnis ist, dass sich der Kriminalfall, der 1999 spielt, teilweise als Begleiterzählung zur Gedächtnispolitik von Flossenbürg liest. Der Leiter der KZ-Gedenkstätte hat sie als Bedeutungswandel beschrieben: Vom Stigma zum Standortfaktor. Die alte Generation macht, was sie immer schon getan hat, 1945 und 1979, als sie den Vater von Anja umbrachte. Die alten Nazis halten den Deckel drauf, mit Gewalt. Und die jüngere Generation, die Kinder? Haben von nichts nichts gewusst. Und als sie dank  Anjas Beharrlichkeit und Kunst des Waldlesens den Tatsachen nicht mehr ausweichen können, werden sie von Reue und Aufklärungswut befallen.
Aber warum? Mussten sie? Ist die Wahrheit allein so unausweichlich?
Ausgerechnet dem Marketingfachmann unter ihnen legt Fleischhauer den eingangs zitierten kulturwissenschaftlichen Wald-Unsinn in den Mund. Das ist weder glaubwürdig noch erzählt.
Im Handlungsverklauf gibt es viele Stellen, an denen Fleischhauer den versöhnlichen Weg des braven Realismus hätte verlassen können ins Unverbesserliche, Bittere. Nur einmal traut er sich. Da interpretiert der KZ-Historiker das Märchen von Hänsel und Gretel als Apologetik des Faschismus. Aber dann geht es zurück in den Wald.
Keine Frage: Von den Verbrechen der NS-Zeit und vom Umgang mit ihnen muss immer und immer wieder erzählt werden. Fleischhauer berichtet Erschütterndes. Aber er berichtet nur. Seine Figuren reagieren mit stummer Ohnmacht oder mit Schulaufsätzen.
Dieser Wald schweigt immer noch.


Wolfram Fleischhauer: Schweigend steht der Wald
Droemer 2013, 400 S., 19,99 €

Deutsche Krimiautoren bei Goethe in Kopenhagen

Nach Stationen in den Ländern bezw. den Bibliotheken der Goetheinstitute u.a. in Lettland, Polen, Tschechien, Litauen, Ungarn, Slowenien und der Slowakei ist die von mir konzipierte Bibliotheksausstellung über deutsche Kriminalliteratur unter dem Titel „Ein Fall für Literatur“ inzwischen in Kopenhagen angekommen. Ich habe darin die meines Erachtens wichtigsten und für die Entwicklung des Genres interessanten deutschssprachigen Autoren vorgestellt – wenn man so will, ein Kanon, entstanden vor inzwischen 3 Jahren im Winter 2010.