Schlagwort-Archive: USA

Charlie Stella: Johnny Porno

Multiple Vergnügen, scharfer Realismus

(c) Suhrkamp

(c) Suhrkamp

Seinen ermordeten Vorgänger nannten sie Tommy Porno. Jetzt fährt Johnny Albano für Boss Eddie, der wiederum der Vignieri-Familie verantwortlich ist, Filmrollen durch  New York und kassiert die Einnahmen in den Schuppen, Kellerlokalen und Sportstudios, die die Mafia-Franchise-Unternehmer als illegale Abspielstätten für den verbotenen Superfilm Deap Throat benutzen. Und wird von jedermann Johnny Porno genannt.
„Ich heiße Johnny Albano!“ Er mag es so oft wiederholen, wie er will. So wie sie ihm seinen Namen nehmen, verfügen sie auch über seine Selbstbestimmung. Wollen es zumindest.

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Jax Miller: Freedom’s Child

Gutmenschen, aufgemerkt: auch eine tätowierte, fluchende Säuferin kann eine von euch sein

Einen lange verlorenen (amerikanischen) Zwilling von Lisbeth Salander glaubt der irische Autor Declan Burke  in Freedom Oliver zu erkennen. Damit reiht er sich in den Chor derer ein, die in der 28 Jahre jungen Debütantin Jax Miller , den kommenden Star der internationalen Krimi-Szene zu erkennen glauben. Ich nicht.
Ihr Erstling Freedom’s Child ist soeben erschienen. (Rowohlt folgt der Filmindustrie mit der Masche der amerikanischen Originaltitel). Freedom trinkt, ist tätowiert, lebt im Zeugenschutz an der Westküste der USA, weit weg von Mastic Beach, einem Kaff voller Krimineller und Sozialhilfeempfänger auf Long Island. Dort soll sie ihren Mann, einen Cop des NYPD, vor zwanzig Jahren getötet haben. Als Matthew Delaney, Bruder des Getöteten und an ihrer Stelle verurteilt, freigelassen wird, ist eine doppelte Jagd eröffnet. Unter dem Fern-Kommando ihrer koksenden 150 Kilo fetten Mutter (sie stirbt später beim Versuch, wieder ins Bett und an Nahrung zu gelangen, wie ein gestrandeter Wal – seltener schwarzer Humor in diesem zu Triefernst neigenden Rache-Wälzer) machen sich drei White-Trash-Brüder Delaney auf, um Schwägerin Freedom umzubringen. Die ist aber nicht mehr in Oregon, weil ihre seinerzeit zur Adoption freigegebene Tochter Rebekah aus der Ersatzfamilie verschwunden ist und von der Mutter gerettet werden muss. Wahnsinnsplot.

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KrimiZeit-Bestenliste August -DIE NEUEN

Bereits zum dritten Mal auf Platz 1:

Havarie von Merle Kröger

Auf  Platz 2: Cutter und Bone von Newton Thornburg (original 1976: Cutter and Bone)

Newton Thornburg (1929 – 2011) war in den USA ein bekannter Autor, auch in deutscher Übersetzung sind zwei Romane von ihm in den achtziger Jahren erschienen, darunter auch Cutter and Bone als „Geh zur Hölle, Welt!“ Allerdings gab diese durchaus elegant gekürzte und handlungsorientierte Übersetzung von Isabella Drott nicht alle Zwischentöne wieder, die jetzt in Susanna Mendes erstmals vollständiger deutscher Version im Polar-Verlag enthalten sind.
Vietnamveteran Cutter und Ex-Marketing-Manager Bone gehören zu den Opfern des American way of life. Als Bone im sonnigen Santa Barbara, wo die beiden zusammen mit Cutters Freundin und Baby in einer Armuts-Symbiose leben, vermutlich Zeuge eines Mordes wird, ergreift Cutter die Gelegenheit, die reichen Kriegsgewinnler abzuzocken. Zwischen den beiden gegensätzlichen Kumpels und etlichen weiteren Beteiligten entsteht ein Kampf nicht um die moralisch beste, sondern um die opportunistischste Lösung ihrer Bedürfnisse – mit bitterem Ende.

„Bücher wie Cutter und Bone werden von Kritikern schnell als Loser-Balladen gelabelt. Doch dafür sind die Töne, die Thornburg anschlägt, zu schräg und schrill. Nicht melancholischer Abgesang ist dieser Roman, sondern ätzendes Wüten, nicht Protest, sondern Anklage. Thornburg zeigt die letzten Zuckungen seiner verlorenen Helden, ihr finales Aufbäumen. Am Ende bleiben nur Einsamkeit und Wahnsinn und Tod. Und das sardonische Lachen von Alex Cutter auf seinem Weg in die Hölle.“ (Marcus Müntefering, SPIEGEL online)
Cutter und Bone von Newton Thornburg ist einer der großen unbekannten amerikanischen Romane der Siebziger.“ (Fritz Göttler, Süddeutsche Zeitung)

 

Auf Platz 3: Der namenlose Tag von Friedrich Ani

Mit dem Wechsel Suhrkamp hat Friedrich Ani (*1959, mehrfacher Deutscher Krimipreis) nach Tabor Süden und Polonius Fischer einen neuen Ermittler erfunden. Jakob Franck ist pensionierter Kommissar, ehemals Mordkommission. In den letzten Dienstjahren ergab es sich, dass immer er ausgewählt wurde, um den Angehörigen die Todesnachrichten zu überbringen. Jetzt sitzen die Toten bei ihm am Tisch.


Als Franck vom überlebenden Vater einer Familie, in der sich Mutter und Tochter umgebracht haben, gebeten wird, nachträglich einen Schudigen zu finden, erschließt er die Geschichte eines ungeheuren Verschweigens in dieser Familie. Schweigen als Verbrechen, Verbrechen als verhinderte Kommunikation darzustellen, war schon immer ein Thema Friedrich Anis. Doch mit Der namenlose Tag erreicht Ani eine neue Intensität.

Auf Platz 9: Zurück auf Start von Petros Markaris
(original 2012: Τίτλοι τέλους. Ο επίλογος, sinngemäß: Abspann)

Drei Romane wollte Petros Markaris (*1937 in Istanbul) über die nicht nur ökonomische Krise in Griechenland schreiben, die Verhältnisse haben ihn gezwungen, nach einem 2015 immer noch aktuellen Buch mit Artikeln zur Krise (Finstere Zeiten, 2012) einen weiteren Kriminalroman zu schreiben, in dem anonyme Rächer mit sprechenden Namen das tun, was Politik und Staat versäumt haben: Aufräumen. In Zurück auf Start trifft es zunächst einen deutsch-griechischen Windenergie-Unternehmer, dann einen erkennbar korrupten Nachhilfe-Unternehmer, der von den eklatanten Schwächen des Schulsystems profitiert. Und Katharina, Kommissar Charitos‘ Tochter, die von den Faschisten der Goldenen Morgenröte zusammengeschlagen wird. Die Bürgerkriegsgefahr, vor der Markaris seit Jahren warnt, scheint näher gerückt.
Allerbeste Aufklärung.

Auf Platz 10: Die Möglichkeit eines Verbrechens von Dror Mishani (original 2013: Efsharut shel alimut, wörtlich: Die Möglichkeit von Gewalt)

In seinem zweiten Kriminalroman mit Avi Avraham verfolgt der israelische Autor und Lektor im Verlag Keter Dror Mishani (*1975) die in Vermisst von 2013 eingeschlagene Linie schnörkelloser weiter: Avraham steht in der Tradition der Detektive, die Verbrechen ahnen oder erkennen, wo schlichtere Gemüter schlicht nichts sehen. Noch unter dem Eindruck des letzten Falles, indem es ihm weder gelang, das Leben noch den Leichnam eines Jungen zu retten, traut er dem Braten einer Bombenattrappe vor einem Kindergarten erst recht nicht. Avraham ermittelt auf eigene Faust gegen einen unscheinbaren älteren Vater zweier kleiner Jungen und entdeckt dabei Abgründe, die Ähnlichkeiten mit denen der Ermittler Friedrich Anis haben. Auch Mishani ist ein Autor, der mit seinen Kriminalromanen unter der Maske der Rationalität Schmerz und Einsamkeit aufdeckt.

Mishani ist in seinem zweiten Roman bei sich selbst: keine metaliterarischen Mätzchen mehr. Stattdessen genaue Seelenarbeit: Leise, feine Spurensicherungen an inneren Abgründen. In denen jeder stecken kann ohne es zu wissen.“ (Tobias Gohlis)

Abzurufen ist die ganze KrimiZEIT-Bestenliste August hier

Antonin Varenne: Die sieben Leben des Arthur Bowman

Großartiger Sommerschmöker

Vielleicht gibt es in jeder Dekade den einen Abenteuerroman. Mitte der Siebziger Jahre war es für mich Shogun von James Clavell. Über andere müsste man weiter nachdenken.
Aktuell ein herrliches Exemplar: Die sieben Leben des Arthur Bowman von Antonin Varenne
Varenne geht von der einfachen Tatsache aus, dass Mitte des 19. Jahrhunderts die Globalisierung so weit fortgeschritten war, dass ein einfacher Mann in der Spanne seines Lebens auf (fast) allen Kontinenten leben und arbeiten konnte – als Soldat.
Nach ersten Aufenthalten in Afrika, noch als Schiffsjunge, wird Arthur Bowman in Diensten der britischen Ostindischen Kompanie als „härtester Sergeant Indiens“ in den frischen Kolonialkrieg gegen Burma geschickt. Für eine geheime Mission soll er zehn Männer auswählen. Kurz nach einem Massaker am Ufer des Irrawaddy scheitert das Unternehmen, die Zehn werden von Einheimischen gefangen genommen. Sieben Jahre später tut ein traumatisierter, seine Albträume mit Opium und Schnaps dämpfender Bowman in London Polizeidienst. Während einer Hitzeperiode, in der die Stadt sich in eine Kloake verwandelt, entdeckt Bowman eine Leiche. Sie ist verstümmelt mit dem gleichen Narbenmuster, das er und seine zehn Soldaten auf dem Körper tragen – Folgen der Foltern in Burma.

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Nathan Larson: Dewey-Decimal

Zu diesem Buch gibt es eine Geschichte, und die geht so: Zehn Jahre nach dem elften September treffen sich in einer Bar in der Lower Eastside zwei Typen.  Der eine ist blond und Redakteur beim New York Magazine, der andere dunkel und Musiker.
„Zehn Jahre ist das her, und alles wächst wieder zu.“
„Ground Zero, da wächst die nächste Immobilienblase.“
„Kein Schwein erinnert sich noch. Man müsste..“
„… alles platt machen.“
Sie trinken und schwadronieren ein bisschen. Die Sonne geht unter.
„So was wie Blade Runner müsste her.“
Sie verabreden, jeder wird etwas schreiben: NYC nach der Katastrophe, ein Mann, ein Detektiv, ein Killer..

Tatsächlich haben beide einen Roman geschrieben. Jetzt sind sie kurz nacheinander auch auf Deutsch erschienen.
Spademan von Adam Sternbergh.
Dewey-Decimal von Nathan Larson.
An dem Abend in Manhattan haben die beiden keinen Wettkampf verabredet. Dazu war die Sache zu ernst. Mit Debüts spaßt man nicht, und nicht mit der Katastrophe.
Spademan ist ein braves Buch geworden. Es ist die Geschichte eines Müllmanns, der Killer wird. Und Prinzipien hat. Zum Beispiel tötet er keine Kinder, und deshalb auch keine Schwangeren. Das ist edel und gut, und noch braver wird er, als sich Spademan gegen die wahren Bösen wendet. Ein Traktat über das Guter-mensch-werden nach der Katastrophe. Dazu sind Katastrophen ja da. Im puritanischen Kosmos jedenfalls.
Dewey Decimal muss nichts werden, auch nicht besser. Er ist einfach nur da. Der Spademan gehorcht Prinzipien,  Dewey Decimal hält sich an Regeln und folgt Impulsen. Regeln, die so klar sind wie das Bibliotheks-Ordnungssystem, nach dem er sich nennt. Alle Medien, die es gibt, kann man man damit sortieren, Massen von Information. Seinen Namen hat Dewey Decimal vergessen, und ob das, an das er sich erinnert, seine Vergangenheit, ein Video-Clip oder ein Implantat ist, kann er nicht beurteilen. Sein System gibt ihm Orientierung, mehr nicht. Es nimmt ihm Entscheidungen ab. Erfolgt ihm wie Ameisen den Pheromonen anderer Ameisen.

„Wenn man mit der New Yorker U-Bahn fährt, muss man unbedingt zuerst eine der Buchstaben-Linien (A, B, C) nehmen und das in streng alphabetischer Ordnung. Fährt man mehr als vier Stationen, muss man in eine Linie mit einer Ziffer umsteigen (1, 2, 3) und in der besten aller Welten sollte die erste eine gerade Ziffer sein.“

Es ist der Hochsommer nach den Ereignissen vom 14. Februar. Manhattan ist platt. Dewey Decimal sorgt für sich, mit Desinfektionsmitteln – „Purell® ist für mich Pflicht“ – mit Pillen und mit seinem System. Im Zweifelsfall schießt er. Auch auf einen Mongo, selbst wenn es ihm hinterher leid tut. Soviel zu Prinzipien.
Jerome Charyn bewundert Dashiell Hammett: „Er hat der Literatur einen neuen Raum gegeben.“ Was würde er zu Nathan Larson sagen? Vielleicht: „Er hat der Literatur eine neue Fläche geöffnet.“
Die Finanzkrisen, die zweiten und dritten Anschläge vom 14. Februar, die Epidemien haben mehr als nur die Hauptstadt der Welt ausgelöscht. Es gibt keine Zeit mehr, Zukunft und Vergangenheit sind in unübersichtlicher Gegenwart verschwommen, Dewey macht keine Pläne, sondern folgt einem Reiz-Reaktionsschema. „Vor 11 Uhr vormittags biege ich nur links ab.
Erhalten ist Manhattans Avantgardefunktion : Dewey kommt es so vor, als lebten die Vereinigten Staaten außerhalb New Yorks beinahe unbehelligt so weiter wie vor 2/14. Aber er weiß es nicht.
Larsons 2/14 ist ein  Roman, dessen subtile Qualitäten sich erst nach und nach erschließen.
Die Figur Dewey ist mit großer Präzision unscharf gehalten. Er hat keine Geschichte, sondern verschwommene Erinnerungen. Er verfügt über eher entlegene Sprachen, zum Beispiel Ukrainisch, weiß aber nicht, ob und wie er sie gelernt hat. Seine Moral/Weltanschauung setzt sich aus Fetzen antirassistischer und liberaler Phrasen zusammen, ist inkonsistent. Dewey könnte man als Detektiv interpretieren, als desertierten oder marodierenden Soldaten, als gescheiterten Vater und Ehemann, aber vielleicht ist er auch nur eine unvollständige Information, die auf fragmentiertem Code basiert.
Dass er, der über sich selbst nichts weiß, uns irgendwie vertraut und auch nicht völlig fremd ist, liegt daran, dass er zu einem Teil aus Detektiv-Abenteuer-Überlebens-Geschichten zusammengesetzt ist. Er bewegt sich in einer zerstörten Welt nach Mustern, die uns und ihm vertraut vorkommen. Das Erstaunliche – und zwar das für ihn Erstaunliche – ist, dass diese Muster zu funktionieren scheinen. Er kommt uns vertraut vor, weil wir – bei Lichte besehen – nicht anders entscheiden als er: ahnungslos, nach neurotischen Mustern und spinnerten Reflexen, ziellos, mit eingebildeter Konsequenz. In einer flachen, unstruktierten Welt ohne Horizont, die ein Bühnenbild sein kann, das Experimentierfeld eines durchgeknallten Staatsanwalts oder Realität.
Thomas Wörtche, der Larson entdeckt und in seiner Reihe Penser Pulp veröffentlicht hat, bemerkt in seinem bedenkenswerten Nachwort (das man unbedingt  nach dem Roman lesen sollte): „2/14 zitiert, ohne Zitat zu sein.“ Könnte auch auf uns zutreffen.
Na, ich sag’s mal, gerade mit Seitenblick auf die neuerliche herablassende  Rede über angeblich „niedrig hängenden Latten der Kriminalliteratur„: 2/14 ahnt was von uns, was wir selbst noch nicht wissen. Spitzen Latte fein gestraddelt.
Ich warte deshalb auf Band 2, der in den USA gerade erschienen ist und im Herbst auf Deutsch herauskommen wird. Das ist Spannung. Was wird Dewey tun?

Hier sind ein paar Links zu anderen lobenden kritischen Stimmen:

Marcus Münterfering auf Spiegel online

Christian Koch (Buchhandlung Hammett):

Peter Huber in seinem blog crimenoir

Alf Mayer bei Getidan

Anne Kuhlmeyer bei Wort und Tat


Nathan Larson: 2/14. Ein Dewey-Decimal-Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Stumpf
Penser Pulp bei Diaphanes, 256 S., 17,95€

Don Winslow: Vergeltung – ein Landserheft

Lässt Don Winslow jetzt die Sau raus?
Oder hat der Autor so großartiger Bücher wie Tage der Toten (Power of the Dog), Tage des Zorns (Savages) oder Frankie Machine (The Winter of Frankie Machine) den Verstand verloren?
Sein neuer Roman Vergeltung, der dieser Tage bei Suhrkamp erscheint (in den USA ist Vengeance noch nicht veröffentlicht) liest sich über weite Strecken wie ein Landserheftchen. So eine Ansammlung von Militär- und Krieger-Verherrlichung gekoppelt mit reaktionärem Rachegefasel habe ich lange nicht mehr gelesen.
Wäre der Verfasser dieses Waffenkatalogs und dieser Akronymsammlung nicht Don Winslow, hätte ich es nicht zu Ende gelesen, und das Teil als Fehlversuch aus der Tom-Clancy-Schule beiseite gepfeffert.
Kostproben gefällig?
„Donovan ist mit einem M32 MGL bewaffnet, der in drei Sekunden bis zu sechs 40mm-Granaten und eine ganze Bandbreite unterschiedlicher Munitionsarten verschießt, darunter auch die für das Gelingen der Mission entscheidende HUNTIR – High Altitude Unit Navigated Tactical Imaging Round.“
Gefühlt 65% des Textes bestehen aus krudem Militär-Sprech: „EKIA – Enemy Killed In
Action.“ Ein MAM („Military Aged Male – ein Mann im wehrfähigen Alter“) muss, wenn er Spitzensöldner werden will, Abkürzungen dieser Art beherrschen wie den Abzugsbügel seines „AWSM-.338 Lapua Magnum-Scharfschützengewehrs“. Als „weltbester Soldat“ hast du im Kampf gegen hunderte islamistischer „Tangos“ zugleich einfach keine Zeit für Ganzwortbefehle.

Veteran sieht rot
Der Plot von Vergeltung ist schlicht wie ein Marschbefehl. Ex-Delta-Force-Major Dave Collins verliert bei dem Absturz einer Passagiermaschine Frau und Sohn, die Weihnachten (!) bei den Großeltern feiern wollten. Da die US-Regierung (Obama, das Weichei! wird nicht namemtlich genannt) den Krieg gegen den Terror nicht weiterführen will, deklariert sie den Anschlag, bei dem rund 800 Menschen starben, als Unfall. Als Collins sich gerade die Pistole in den Mund steckt, klingelt ein wackerer Amerikaner an der Tür und beweist, dass es doch islamistischer Terror war. Collins gewinnt die Verwandten der Opfer dazu, ihm ihre Entschädigungen der Versicherung zu spenden. Mit 280 Mio Dollar Basisfinanzierung startet Collins seinen Vergeltungskrieg gegen den Terroristen Aziz, einziges Ziel: Rache durch Liquidierung. Mit dabei: die „weltbeste“ Söldnertruppe seines ehemaligen DF-Kommandeurs Donovan. Eine  bildschöne FBI-Vernehmerin liefert die nötigen Hintergrunddaten. Der Rest verläuft nach dem Muster unzähliger Söldnerromane: Dave muss sich bewähren, die Einzelkämpfer werden zur Bruderschaft zusammengeschweißt, Verräter werden enttarnt, die uneinnehmbare Festung eingenommen (die Alistair MacLean-Komponente).
Aziz soll vernichtet werden. Aber die Feinde sitzen in der Regierung. In deren Auftrag blockiert  Admiral Wendelin Daves Konten. Aber im Herzen ist er dann doch bei den Söldnern. Wie ein Militär aus Ludlums Feder weiß er, was zu tun ist.  Ballern.  Wenn die Regierung zu schwach zum Handeln ist, übernehmen wir das Kommando.

Nicht zu glauben
Vergeltung
hat nichts Parodistisches, es ist keine Karikatur. Frei von Witz, Hintersinn, Überraschungsmomenten, Vielschichtigkeit, Satire oder irgendeiner anderen bisher Winslows Bücher auszeichnenden Qualität ist es tatsächlich die dumpfe, Söldner- und Kriegertum blind verherrlichende Schwarte.  Nur ein oder zwei Feigenblättchen  von Selbstzweifel unterbrechen kurz das Niedermetzeln der „Tangos“ .  (Würde Diana das noch wollen? Ja! Bumm!) Das Hohelied der Kameraderie schrillt in den höchsten Tönen. Original Don: „Erbitterte Loyalität. Außergewöhnlicher Mut. Eine größere Liebe gibt es nicht“.
Im Rückblick sieht man besser. Tage des Zorns (Savages) gehorcht einer ähnlichen Dramaturgie.  Auch hier verteidigt eine kleine auserwählte Truppe ihren amerikanischen Lebensstil mit allen gewaltsamen Mitteln. Sollten die Ironie, die Satire und die Tragik, mit der Winslow diese Geschichte erzählte, nur der kalifornischen sunshine-state- Variante des amerikanischen Way of Life gegolten haben? Während es in Vergeltung um die brachiale Verteidigung des Soldaten/Kriegers/Mannes als wahrem Veteranen und Patrioten geht? Dann wäre jetzt der wahre Winslow ans Licht getreten: ein Redneck-Propagandist, Waffennarr und antidemokratischer Spinner. For God’s sake!
Betrübte Grüße an Thomas! Schocks wie diese verarbeitet man besser gemeinsam.

Don Winslow: Vergeltung
Aus dem Englischen von Conny Lösch
Suhrkamp, 492 S., 14,99 €

 

Jerome Charyn: Unter dem Auge Gottes 1

Leute, es gibt wieder Champagner.
Man kann ihn nicht immer trinken, aber wenn es welchen gibt, dann sollte man ihn saufen. Unter dem Auge Gottes ist Champagner. Wie alle zehn anderen Romane um Isaac Sidel zuvor.
Es ist die Zeit nach den Wahlen und vor der Amtseinführung des Präsidenten. 1988 in Jerome Charyns Fiktion, ein Jahr vorm Ende der Reagan-Administration in der Realität.
Die Bronx war damals eine Wüste, es sah aus wie nach Bombenangriffen. Von „Dünen“ scheibt Charyn. Sidel ist noch Mayor, Bürgermeister von New York. Er und der zukünftige President Michael J. Storm haben die Präsidentschaftswahl gewonnen, aber noch sind sie nicht ins Amt eingeführt. Da entdeckt Sidel, dass in der Bronx das Militär eingezogen ist. Wie im Mittelalter, als die Könige ihren rebellischen Städten Burgen und Besatzungstruppen aufoktroyierten. Das will Sidel verhindern. Dazu tut er sich mit David Pearl zusammen, der einst den größten Mann der kosher nostra Arnold Rothstein beerbte. Pearl, der mächtigste Ganove der Welt, haust unterm Dach des Ansonia-Hotels, ein alter Mann in Pantoffeln und schlabbrigem Pullover. In einem Museum für Inez, die vor vierzig Jahren verstorbene Geliebte Rothsteins, hält er eine neue Inez. Isaac verliebt sich in sie und ihre silbernen Haare. Auch sie ist keine Zuflucht und keine Hilfe für den Mann mit der Glock im Hosenbund, der die Bronx retten will. Umgeben von FBI-Leuten, die ihn vielleicht erschießen werden, und angegriffen von gedungenen Mördern zieht Sidel nach Texas. Von dort kommt Mr. Mars her, der Verteidigungsminister, der ihm seine Bronx nehmen will.
Niemandem kann er trauen, nicht einmal den Walnußplätzchen seiner Lolita Marianna, der Tochter Storms, die auf Isaacs Schoß sitzen sollte, aber aus Schicklichkeit von ihm ferngehalten wird.
Es ist ein wunderbarer Kampf, den Sidel mit Tränen, Glock und Cop-Intuition führt, wunderbar im Charyn’schen Sinne.
Ein grandioses Buch, mit allem, was wir an Charyn lieben: die auch mit detektivischen Mitteln nicht mehr auflösbare Verquickung von Stadtgeschichte, Gossip und Mythos, die dubiosen, wie in Fliegenflügel gekleidet schillernden Figuren (so David Pearl, Sidels Förderer und schlimmster Feind), das wilde Flackern der Emotionen, die wie Nordlichter epochale Form und Größe annehmen.
2010 hat der Rotbuch-Verlag, der lange Zeit Jerome Charyns deutscher Verlag war, die ersten vier Romane um Sidel als Isaac-Quartett veröffentlicht.  Ich habe dazu ein Nachwort geschrieben, das jetzt, um Charyn zu ehren, auf meiner Homepage nachzulesen ist.

Jerome Charyn: Unterdem Auge Gottes
Aus dem amerikanischen Englisch von Jürgen Bürger
Penser Pulp bei Diaphanes, 286 S., 16,95€

Penser-Pulp-Herausgeber Thomas Wörtche versichert in seinem Nachwort, Unter dem Auge Gottes sei erst der Einstieg in die Pflege des großartigen Werks von Charyn. Auch wir werden gerne ein Auge drauf haben.

Dobyns‘ Fest der Schlangen

„Hör auf!“ ist das letzte Wort im Buch. Pure Leserprovokation. Dieser Stephen Dobyns weiß, dass – der Ankündigung zum Trotz, alles werde bald enden – niemand aufhören will, weiterzulesen, und doch ist Schluss. Das Fest der Schlangen ist ein Erzählfest,  festlich übersetzt von Rainer Schmidt. „Es war wie in einem Science-Fiction-Film, wenn die Untertassen landen.“ Brewster, irgendwo am Rande der Sümpfe zwischen Providence, West Kingston, Narragansett und dem Atlantik gelegen, im Herbst. Ein Baby des Teufels wird aus dem Krankenhausgestohlen, die Plazenta aus der Kühlkiste gleich mit. Ein Junge lässt mit Augenkraft Murmeln tanzen, sein Name ist Hercel, was von Herkules kommt, verkleinert. Je näher Halloween rückt, das von den Wiccanern und den Kelten als Samhain, als Fest der Toten gefeiert wird, desto höher die Wogen von Gewalt, Unerklärlichem und Panik. Kaum haben die Detectives der State Police begriffen, dass das Baby weg ist, müssen sie auch nach planvoll räubernden Kojoten, Steine werfenden Staatsbürgern, verschwundenen Leichen, abgehauenen Siebzehnjährigen und einem kleinen dicken Jungen suchen, der alle mit Furzmaschinen nervt. Und Carl, der Veteran, kriecht knurrend auf allen Vieren durch die Büsche. Ein Versicherungsdetektiv wird skalpiert. So viele Vorgänge, so viele Interpreten, Legenden wachsen aus Backstuben, Schlangen krabbeln aus Kinderbetten.
Dobyns reißt alle in seinen Erzählstrom: Lügen, Wunder, Märchen, so sehr, dass fast bis zum Ende der Überblick völlig verloren geht: Gibt es eigentlich diese Morde, verschwundenen Lebenden und Toten, oder was ist überhaupt los? Dahinter kleine böse Pläne, halbtote Opfer, zugerichtet auf’s Töten. So lässig und so gekonnt jagt Dobyns alle Details durch Schleuder und Trocknertrommel, dass zum Schluss die Fakten aussehen wie gebügelte Wäsche. Und immer heiter: Jill und Woody sind sich näher gekommen. „So ist bei der ganzen Katastrophe auch Gutes herausgekommen.“ Schreibt Dobyns ohne rot zu werden. Der deutsche Titel ist schön rätselhaft, der Englische verrät ein wenig, worum es geht: „The Burn Palace“. Was Schmidt mit „Ofenpalast“ übersetzt. Vernunft, könnte man ins Sinnieren kommen, tritt erst dann ein, wenn sie verloren war. Aber: ist das nicht zu viel sinniert?
Oder man kann nach der Frau suchen, die Dobyns so beschreibt: „Sie war eine attraktive Frau von der nahtlosen Sorte und sah aus, als wäre sie aus standardisierten Einzelteilen zusammengesetzt, als ob Haare, Make-up, Hände, Füße und der aerodynamisch modellierte Körper die Nacht in separaten Schachteln verbrächten, statt zusammen in einem Bett.“ Los denn.



Stephen Dobyns: Das Fest der Schlangen (The Burn Palace)
Deutsch von Rainer Schmidt; C.Bertelsmann; 544 S., 14,99 €